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FOR THE PEOPLE

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OF

THE AMERICAN MUSEUM

OF

NATURAL HISTORY

Die

Vogelwarte Helgoland.

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Von

veiland Ehrenmitglied des Britischen Ornithologen- Ornithologen- Vereins und der Norfolk- und ' Korrespondirendes Mitglied der L.c::^- i!iv,! dcL- >'iinithoIogischen Vereins in loternationalen Or:

Herausgegeben

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Z werte vermehrte Auflage.

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Die

Vogelwarte Helgoland

Von ^

Heinrich Gätke^ r^f, t^ , /r;^.

weiland '^f^

Ehrenmitglied des Britischen Ornithologen-Vereins, des Amerikanischen

Ornithologen- Vereins und der Norfolk- und Norwich -Naturforscher- Gesellschaft;

Korrespondirendes Mitglied der Londoner Zoologischen Gesellschaft

und des Ornithologischen Vereins in Wien, sowie Mitglied des Permanenten

Internationalen Ornithologischen Comites.

Herausgegeben von

Professor Dr. Rudolf Blasius.

Zweite vermehrte Auflage.

Grün ist das Land, Roth ist die Kant', Weiss ist der Sand, Das sind die Farben von Helgoland.

Braunschweig igoo.

Druck und Verlag von Joh. Heinr. Meyer,

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4^

Vorbemerkung.

N einem kleinen Städtchen der Mark geboren und mich nur einer solchen Schulbildung erfreuend, wie sie vor mehr denn sechzig Jahren der Kantor, Konrektor und Rektor der urwüchsigen Jugend unter Beihülfe eines zähen Haselstöckchens beizubringen vermochten, würde mir im Leben nichts ferner gelegen haben, als der Gedanke »ein Buch zu schreiben«, hätte nicht die Natur selbst mir die Feder in die Hand gedrückt: der Entschluss, als Seemaler eine Reihe von Jahren in möglichster Nähe des Meeres zu leben, führte mich an einen Ort , der in ornithologischer Hinsicht wohl buchstäblich seines Gleichen auf der weiten Welt nicht findet.

Der Hang des Künstlers zur freien Natur brachte mich un- vermeidlich in Berührung mit der so wunderbar reichen Ornis Helgolands. Diesem folgte ebenso unvermeidlich der Wunsch, eines oder das andere der in ihrer Gestalt, ihrem ganzen Thun und Treiben so unendlich anmuthigen Geschöpfe zu besitzen : so entstand eine kleine Sammlung.

Mit dem Besitze erwachte aber das Verlangen nach gründ- licherer Kenntniss des Gesammelten, und das während einer Reihe von Jahren fortgesetzte eifrige Studium der hiesigen Vogelwelt, sowie der Vergleich derselben mit anderen Lokal-Avifaunen Hess mich nicht allein erkennen, welch ein nie geahnter Reichthum des Kennenswerthen sich hier zusammenfinde, wie unendlich der kleine Fels darin die stolzesten Reiche überrage, sondern es ward mir

VIII

auch mehr und mehr klar, dass dem, welchem ausnahmsweise Umstände eine so vollständige Einsicht und Erkenntniss eines hervorragenden Feldes der Naturwissenschaften gewährten, damit auch die Pflicht auferlegt sei, seine Erfahrungen nicht mit sich selbst wieder verschwinden zu lassen, sondern dieselben den Forschern auf gleichem Gebiet zu erhalten nur das Gefühl dieser Pflicht veranlasst mich zur Veröffentlichung meiner Erfahrungen.

Auf den folgenden Blättern werde ich mich dieser Pflicht möglichst vollständig zu entledigen suchen. Wie dies geschieht, wird so ziemlich Nebensache sein, und nach dem Ebengesagten denn auch wohl keiner Kritik unterzogen werden; das Was ist die Hauptsache, und dies besteht einzig xmd allein in dem, was mir, ohne irgend ein Verdienst von meiner Seite, vergönnt gewesen hier vorzufinden.

Helgoland, Mai 1 890.

H. Gätke.

Gätke's Wohnhaus.

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Vorwort des Herauso-ebers.

Seit

M Andenken an meinen inniggeliebten Vater

Johann Heinrich Blasius

übergebe ich dieses Ruch der Mitwelt.

ahrzehnten warteten die Ornithologen aller Länder

darauf, die langjährigen Beobachtungen des Vogelwärters von Helgoland, H. Gätke, veröffentlicht zu sehen. Zuerst 1853 besuchte mein Vater das Felseneiland, und wies auf die für die Verbreitung und Zugverhältnisse der Vögel so hoch interessante Sammlung und die merkwürdigen Beobachtungen meines hochver- ehrten Freundes hin. Er war es, der die unbedingte Zuverlässig- keit der Gätke 'sehen Mittheilungen mit kritischer Schärfe fest- stellte und jeden Zweifel an der Wahrheit derselben in der ornitho- logischen Welt verscheuchte. Schon vor 20 Jahren hoffte er auf die Vollendung dieses Werkes.

Jetzt liegt es fertig vor uns. an den" Spitze das Bild des Autors, der in Pritzwalk am 19. Mai 1814 geboren, 1837 '^Is 23 jähriger Maler nach Helgoland auswanderte und bis in sein rüstiges Greisenalter Jahr aus Jahr ein, Tag füi- Tag sein scharfes Auge über die Insel und das Meer hin und in den blauen Aether hinauf schweifen Hess. Schon als Knabe war er ein besonderer Liebhaber der Beobachtungen im Freien , interessirte sich mit Vorlic^hc für Natur'f(\schiclU(\ hotanisiitc, suchte^ l'jcr, Schmetterlinge

X

und zeichnete nach der Natur. Auf Helgoland wurde er Sammler und Jäger. An der Hand von Chr. L. Brehm's »Vögel Europa's« und Naumann 's »Naturgeschichte der Vögel Deutschlands« suchte er sich die beobachteten und erlegten Vögel zu bestimmen und als dies für die fremden Gäste aus Sibirien und Amerika nicht mehr ausreichte, holte er sich Rath bei den Ornithologen Englands und des Festlandes. So bildete sich im Laufe der Zeit ein inniges freundschaftliches Verhältniss zwischen unserem Autor und den bedeutendsten jetzt lebenden Ornithologen. Helgoland wurde das Mekka der Freunde der gefiederten Welt. Manche Stunde haben sie in dem Hause G ä t k e ' s zugebracht und die angehäuften Schätze bewundert.

Soeben trifft die hocherfreuliche Nachricht ein, dass das Deut- sche Reich die Sammlungen erworben hat. Möge es in Erfüllung gehen, dass dieselben, als Beleg für die dortigen Beobachtungen für immer als Grundstock der dort zu errichtenden zoologischen Station verbleiben, und möge dieses Buch eine schöne Erinnerung sein für die Besucher der Insel, und den Naturfreunden erzählen von dem einsamen Felseneilande mit seinen seltenen gefiederten Gästen aus dem fernen Norden, Osten, Süden und Westen.

Braunschweig, den 3. Februar 1891.

Rudolf Blasius.

Vorwort zur zweiten Auflage.

EBER 3 Jahre sind verflossen, seit der Autor der Vogel- warte Helgoland, H. Gätke , am i. Januar 1897 für immer die Augen geschlossen. Seit dem Erscheinen der ersten Deutschen Ausgabe 1891 hatte Gätke die grosse Freude, dass seine Sammlung von der deutschen Regierung angekauft und dem mit der zoologischen Station verbundenen Nordsee-Museum einverleibt und damit für die Dauer für Helgo- land und Deutschland erhalten wurde. Gern gab ich dem Wunsche Gätke's nach, für seine vielen englischen Freunde und Verehrer eine englische Ausgabe erscheinen zu lassen. Dieselbe wurde unter dem Titel : Heligoland as an ornithological obsci'vatory the resiilt of fifty years experience (Uebersetzung von Rudolph Rosenstock) mit einem Vorwort von John A. Harwie-Brown, verschönert durch einige eigenhändige Federskizzen Gätke's, die von J. Cordeaux und A. Newton zur Verfügung gestellt waren , von David Douglas in Edinburgh 1895 herausgegeben, nach Durchsicht und Correctur des Autors. Die Zahl der auf Helgoland beobachteten Vögel war darin durch 2 neue Arten, den Löffelreiher, Platalea leucerodia, und die Trappe, Otis tarda, von 396 auf 398 gestiegen.

Gätke hatte in seinen letzten Lebensjahren die Genugthuung, dass sein Buch die allgemeinste Anerkennung fand, dass es epoche- machend wirkte für die Lehre des Vogelzuges und, eine Seltenheit für ein ornithologischcs Fachwerk , bald im Buchhandel ver- griffen war.

XII

Rastlos arbeitete der Vogelwärter Helgolands weiter in der Beobachtung seiner Lieblinge, aber die Schwächen des Alters stellten sich ein, von einer schweren Influenza, die er 1896 durch- machte, konnte er sich nicht erholen und starb am i. Januar 1897. Seine Leiche ruht auf dem Felseneilande Helgoland.

»Nicht mehr vergönnt ist es uns, wenn wir nach seiner Heimathsinsel, dem Mekka der Ornithologen, pilgern, in seine treuen Augen zu blicken, ihm als echten deutschen Mann die Hand zu drücken aber seine für Deutschland nun für immer gesicherte Sammlung, die uns so manchen Aufschluss giebt über die noch viel- fach dunklen Erscheinungen des Vogelzuges, werden wir sehen, sein Buch, das uns die Erklärung dazu giebt, Itiüssen wir im Kopfe haben und an sein Grab werden wir mit dem Gedanken heran- treten ; Hier ruht ein grosser Naturforscher, möge er immer für die Nachwelt ein leuchtendes Beispiel sein, wie der Naturforscher zu arbeiten hat ! In der freien Gottesnatur soll er be- obachten, nicht sich allein mit der Bestimmung von todten Naturalien begnügen.

So lange es Ornithologen auf der Erde giebt, wird Helgoland klassischer Grund und Boden für sie sein. Immer werden sie, wenn sie das sturmumwehte Felseneiland betreten, denken an Heinrich Gätke, den Vogelwärter von Helgoland.«

Sehr gern bin ich dem Wunsche der nachgelassenen Wittwe und des Verlegers nachgekommen, hiermit die zweite Auflage der »Vogelwarte Helgoland« herauszugeben.

Dieselbe ist, soweit es möglich war, ganz im Sinne des Ver- fassers hergestellt. Die von H. Gätke gewählte Nomenclatur und Anordnung ist in derselben Weise, wie in der englischen von ihm durchgesehenen Uebersetzung beibehalten. Zugefügt sind unter der Synonymik bei allen Arten, soweit es nicht bereits geschehen, die Citate aus dem Catalogiie of the birds in the british museum, der ja jetzt vollständig vorliegt, der Einfachheit halber immer ab- gekürzt als: Cat. Birds, ausserdem die Citate aus der neuen von Dr. Carl R. Hennicke herausgegebenen und von Fr. Eugen Köhler verlegten Ausgabe von Naumann's Vögel Deutschlands (Naumann,

XIII

Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas), citirt als : Naumann, 2. Aufl. und die Citate aus dem Supplementbandc zu Dresser's Birds of Europe.

Dr. Clemens Hartlaub hatte die grosse Güte, mir genaue Notizen über die seit dem Erscheinen der englischen Ausgabe auf Helgoland beobachteten Vögel zu übersenden und A. Nehrkorn (Riddagshausen) und Schlüter (Halle) machten mir vielfach An- gaben über die in den letzten Jahren bekannt gewordenen Brut- verhältnisse vieler Arten. Ueber das von Gätke öfters erwähnte Museum in Görlitz gab mir der dortige Director von Rabenau Aufschluss, mein Bruder Wilhelm Blasius war mir bei der Vergleichung einzelner Vögel behilflich, A. Newton (Cambridge), Harwie-Brown und David Douglas (Edinburg) stellten mir die schönen Federskizzen Gätke's aus der englischen Ausgabe zur Verfügung, Dr. Hartlaub sen. (Bremen), Eagle Clarke (Edinburg) und O. Ein seh (Leyden) gaben mir briefliche Aus- kunft. — Allen, die mir bei der dem jetzigen Stande unserer Wissenschaft entsprechenden Ausstattung des Werkes hilfreich zur Seite standen, sage ich meinen herzlichsten Dank.

In dem Texte des Autors ist nichts geändert, alle Zusätze von mir sind kenntlich entweder durch | | oder durch Fussnoten mit Bl. unterschrieben.

Zur leichteren Benutzung des Werkes ist zum Schlüsse ein wissenschaftliches Sachregister der deutschen und lateinischen Namen der Vögel angefügt und das Inhaltsverzeichniss im Be- ginne des Buches dementsprechend verkürzt.

Während des Druckes kamen mir noch einige Manuskripte zur Kenntniss, die dem Texte angefügt wurden, darunter der 399^''' neu auf Helgoland beobachtete Vogel, Cassin's Kuhstärling, Moiothrus Cassini^ Finsch , der jetzt eine Zierde des Nordsee- Museums auf Helgoland bildet.

Braunschweig, 27. Januar 1900.

Rudolf Blasius.

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Inhalts- Uebersicht

Seite

Zug der Vögel i

Zug im Allgemeinen auf Helgoland 3

Richtung des Wanderflugs 24

Höhe des Wanderflugs 47

Schnelligkeit des Wanderflugs 66

Meteorologische Beeinflussungen des Zuges 77

Zug nach Alter und Geschlecht 103

Ausnahmsweise Erscheinungen 117

Was leitet die Vögel während ihrer Züger 135

Was veranlasst den Aufbruch zum Zuge? 148

Farbenwechsel der Vögel durch Umfärbung ohne Mauser . 155

Die bisher auf Helgoland beobachteten Vögel 171

Raubvögel 173

Singvögel 210

Schreivögel 455

Hühner 469

Tauben 477

Watvögel 4*^1

Schwimmvögel 558

Nachträge 637

Sachregister 641

I.

DER ZUG DER VÖGEL.

I. Zuor im AI Wm einen auf Helo^oland.

EIT Jahrtausenden hat die räthselhafte Erscheinung im Leben der Vögel, ihr in festen Zeitabschnitten mit un- wandelbarer Sicherheit sich wiederholender Zug, Stau- nen und Bewunderung hervorgerufen. Die Gestade des Mittelmeeres boten seit grauester Vorzeit dem betrachtenden und forschenden Auge das Bild unzählbarer Schaaren von Fremdlingen dar, welche aus dunklen borealen Regionen dem Lande der Sonne zuströmten, um nach wenigen Monden der Rast ihrer geheimnissvollen Heimath wieder zuzu- eilen — dem vorzeitlichen Beobachter eine so wunderbare Er- scheinung , dass er glaubte , die Schicksale von Menschen und Reichen aus den Flügen der Vögel deuten zu können. Wie ganz anders steht die Jetztzeit diesem Vorgange gegenüber : froh sehen wir die wohlgekannten Gefährten blumengeschmückter Sommer- monate vor Eintritt rauherer Tage dahin eilen, wissend, dass sie der Härte des nahenden Winters erliegen müssten. Im Geiste begleiten wir unsere lieblichen Sänger über die hochragenden schneeigen Alpen , uns freuend , wenn Thcilen des breiten Zuges der Weg durch ein sich öffnendes Hochthal erleichtert wird ; mit ihnen erspäht auch unser Auge in blauer duftiger Ferne den in tiefem Ultramarin sich dehnenden Spiegel des Mittelmeercs ; auch dieses, bald überflogen, weicht dem Bilde der weiten sandigen, unter Sonncngluth erzitternden Wüste manch palmenbeschattet schützend Obdach bietet dieselbe jedoch dar, und so verlassen wir unsere Lieblinge , einige ihrer Schaaren , die der breiten Strasse des Nil sich vertrauten, noch eine Strecke begleitend; auch diesen sagen wir Lebewohl angesichts der gewaltigen Pyramiden, an der Grenze jener Länder, als deren Sinnbild immer noch die Sphinx ihr verwittertes Haupt erhebt.

4 Der Zug der Vögel.

Die Wintermonate schwinden ; die knospende Natur kündet den nahenden Frühling; das Grün bricht hervor, und nach einer lauen Nacht sind die Hecken und Gesträuche der Gärten, die Haine und Felder, von unsern lieben Freunden aufs Neue erfüllt. Die trauliche Schwalbe umflattert emsig ihr vorjährig Nest; dem Gebahren der Grasmücke im gebüschreichen Zaune sehen wir es an, dass auch sie unsere alte Bekannte ist, und einige Nächte später, wenn vom dichten dunklen Gestrüpp des Weihers her der seelenvolle Gesang einer Nachtigall herübertönt, glauben wir froh überrascht zu erkennen, dass auch sie dieselbe ist, deren Strophen wir schon während so mancher duftigen Lenzesnacht mit Wonne gelauscht. Aller Fährlichkeit der langen Reise sind sie alle glücklich entronnen.

Von so anmuthigen Erscheinungen begleitet vollzieht sich der Vogelzug unter fast allen Breiten der Erde, aber ein wie ganz anderes Bild entrollt derselbe auf dem einsamen Nordseeeilande waren die südlichen ^Rastplätze der Wanderer von Oliven und Palmen umstanden, so treffen hier, heut wie in ferner Vorzeit die Wanderschaaren nur wüste Dünenhügel und ödes Felsgeklüft an; kahl und rauh ist die Insel, keiner der Wanderer findet auf Helgo- land das Endziel seiner Reise, alle eilen in unermüdlicher Hast vorbei : hier bringt der Frühling keine von frohem Gesänge be- gleitete Heimkehr zur ersehnten Niststätte; hier streut der Herbst nicht goldene Blätter auf die Pfade der Scheidenden still ziehen die Schaaren an diesem unwirthlichen Felsen vorüber, denn nicht bietet hier der Wald, noch ein Gebüsch, noch das wogende Korn- feld ein heimliches Plätzchen , wo ungefährdet die junge Brut aufzuziehen wäre , nur die schroffe von Brandung umtoste Fels- wand gewährt in ihrer Unnahbarkeit den grotesken Lummen und Alken Raum, um auf knappen Vorsprüngen ihr nestloses Ei unter der Unbill der Stürme auszubrüten und tausendfältig mischen sich die rauhen unmelodischen Stimmen dieser Bürger der Tiefe mit dem Brausen der rastlos sich tummelnden Wogen.

Musste nun aber dies sturmgefegte Eiland all der lieblichen Momente verlustig gehen, welche den Zug der Vögel, zumal im Frühjahr, umgeben, so hat auch hier die liebende Mutter Natur es versucht , eine Entschädigung zu gewähren , und , was sie an wonnigem Schmuck zu verweigern gezwungen war, durch ganz besondere Grossartigkeit der Erscheinung zu ersetzen versucht und wohl dürfte das Gewährte vollwichtig Ersatz bieten für das Versagte.

Zug im Allgemeinen auf Helgoland. 5

Die frühesten Vorboten des wieder erwachenden Lebens in der Vogelwelt treten hier schon in den ersten Tagen des Januar und in einer Weise auf, die sofort Helgoland in seiner ganzen Eigenthümlichkeit , seinem fast borealen Küstencharakter , er- scheinen lassen ; es sind dies die obengenannten, an den hiesigen Felswänden heimischen Lummen ; dieselben besuchen ihre Brut- stätten zu Neujahr und oft im December schon, in Schaaren von Tausenden, gleichsam als wollten sie sich rechtzeitig vergewissern, dass dieselben noch wohlbehalten und für ihre Aufnahme bereit seien. Eine derartige Visite erstreckt sich jedoch nur über die jeweiligen Hochwasser-Stunden und findet zumeist in der Morgen- frühe statt. Die Vögel bedecken in solchen Fällen die ganze Felswand vollständig wie in der Höhe der Brütezeit ; ebenso führen sie unter endlosen Verbeugungen und fortwährenden Zänkereien eine höchst animirte Unterhaltung, während welcher alle zu reden, niemand zu hören scheint ; mit dem Herannahen von niedrig Wasser sind alle wieder verschwunden. Solche Besuche wieder- holen sich in unregelmässigen Zwischenräumen bis zum wirklichen Beginn der Brutzeit etwa Anfang April.

Neben den Lummen sind es Lerchen und Staare, die je nach dem Stande der Witterung von Mitte Januar an, zuerst in kleineren, dann grösseren Gesellschaften auftreten ; dieselben haben aber meist ein sehr verdriessliches Aussehen und scheinen noch wenig von Frühlingslust zu ahnen was übrigens kein Wunder, denn die sogenannten milden Tage der ersten Monate des Jahres sind immer noch äusserst rauh, trübe und kurz.

Der Februar bringt während seiner ersten Wochen wenig Aendcrung im Vogelleben. Ist das Wetter jedoch cinigermaassen milde, so ziehen Lerchen, Staare und Wachholder-Drosseln, Tiirdus pilaris, schon in grossen Massen, namentlich erstere Beide; ebenso Alpenstrandläufer, Kibitzc und Goldregenpfeifer. Während der letzten Woche beginnt der Zug jedoch einen anderen Charakter anzunehmen, es erscheinen dann, wenn nicht Frost und Schnee- wetter vorherrschen , die ersten schwarzrückigcn Bachstelzen, Motacilla lui^uhris^ manchmal eine gelbe Bachstelze, Mot. sulphurca, und m(")glicher Weise auch schon ein Wiescnschmätzer, Saxicola rithicola , welch letztere Art aber meistens nicht vor Anfang März eintrifft. Von den Schaaren Wachholder-Drosseln, die im Laufe des ganzen Monats vorkommen, weiss man aber nie recht, ob man es mit herumstreifenden Gesellschaften zu thun habe oder mit regelmässigen Wanderern, da dieselben immer auch im Mai

6 Der Zug der Vögel.

noch in sehr grossen Flügen auftreten die Misteldrossel aber zieht regelmässig Ende Februar und während der ersten trüben Märztage hier durch, wenn auch stets nur in zerstreuten Stücken. Hiermit wären die wenigen regelmässigen Durchzügler des Februar erschöpft.

Der März entfaltet während seines Anfanges schon ein regeres Leben in der Vogelwelt, der ebengenannte Wiesenschmätzer, den man hier Frühlingsbote getauft, und die schwarzrückige Bach- stelze sind so ziemlich tägliche Gäste ; der Bluthänfling, Berg- und Grünhänfling, Fringilla cannabina^ montmm und cldoris zeigen sich ziemlich häufig, der Stieglitz vereinzelter; neben den grossen Schaaren der meist vorbei ziehenden Staare und Feldlerchen kommen auch kleine Gesellschaften der traulichen Haidelerche an, und die Vorhut der Berglerchen stellt sich^ein. Grosse Schwärme von Schneeammern kommen und ziehen nach kurzem unruhigem Verweilen weiter ; Gold- und Gerstenammern sieht man zerstreut sich länger aufhalten.

Saatraben beginnen zu ziehen, bald schliessen sich denselben kleine Gesellschaften von Nebelkrähen an , denen etwas später Flüge von Dohlen folgen. Erstere verweilen gern auf den mit Hafer oder Gerste besäeten Feldern des oberen Felsens, während die Krähen regelmässig überhinziehen, ohne ihren Flug zu unter- brechen. Die Nebelkrähe scheint im Bewusstsein ihres »Sing- muskel-Apparates« sich für berufen zu halten, den Helgoländern den Frühling zu verkünden, indem sie während dieser Jahreszeit den ausgiebigsten Gebrauch von ihrer Begabung macht, im Herbst hingegen stets stillschweigend ihrer Wege zieht.

Schnepfen und Schwarzdrosseln sind, je nach dem herrschen- den Wetter, seit Anfang des Monats schon mehr oder weniger häufig vorgekommen, Wacholder -Drosseln sieht man immer noch in grossen Schaaren und Rothkehlchen sind ebenfalls ziemlich häufig. Die so zutrauliche kleine Heckenbraunelle treibt still und emsig ihr Wesen in den Gärten, das muntere Bink-bink des Buchfink -Männchens erschallt aller Orten, und die so elegant ge- färbten schwarzen Männchen des Hausröthlings kommen vereinzelt vor, ebenso die ersten Männchen des Steinschmätzers.

Später im Monat erscheinen in beschränkter Zahl feuerköpfige Goldhähnchen, den Weidenlaubvogel , Sylvia rufa, sieht man in jedem Gesträuch, und die weisse Bachstelze, Motacilla alba, gesellt sich zu der schwarzrückigen. Unter den sich Anfang des Monats steigernden Felsenpiepern des Meei^gestades werden die Ueber-

Zug im Allgemeinen auf Helgoland. 7

gangsstufen zum Sommerkleide häufiger , und zu gleicher Zeit beleben sich die Grasflächen der Insel mehr und mehr mit Wiesen- piepern. Rohrammern kommen an , und die einst so seltenen Berglerchen ziehen in grossen Schaarcn.

Zu den nunmehr häufigen Schwarzdrosseln gesellen sich nach und nach zahlreicher die Singdrosseln , und die Waldschnepfen sind in bestem Zuge Lätare ! Die Wilde Taube , Cohimba pahnubiis , sieht man von Anfang bis Ende des Monats einzeln wie auch in kleineren und grösseren Gesellschaften, und ihre kleinere schwarzäugige Verwandte , Col. oeiias , schliesst sich ver- einzelt ihr an ; die Wasserralle ist eine täglich vorkommende ge- wöhnliche Erscheinung.

Krähen , Saatraben und Dohlen sind während des ganzen Monats in grossen Schaaren , nach Tausenden zählend , überhin- gezogen , und der Zug der Schwarzdrosseln und Schnepfen hält bis Ende desselben an während seiner letzten Tage kommt das weisssternige Blaukehlchen sowie das einfarbig blaukehlige vor. Beide sind jedoch höchst vereinzelte Erscheinungen.

Von Raubvögeln sieht man fast täglich vereinzelte Wander- falken , häufiger alte Männchen des Lerchenfalken , und , weniger zahlreich, Männchen des Thurmfalken.

Der April führt einen vollständigen Wandel in diesen Er- scheinungen herbei. Mit ihm beginnt die Zeit der schmucken Ring- drossel , der gelbköpfigen Schafstelze , des Wiedehopfes und des Wendehalses. Der Fitislaubvogel, der Schilf-Rohrsänger, die kleine Grasmücke, Sylvia ctimtca, und die Mönchgrasmücke, Sy. atricapilla, beleben die Gärten, und Rothkehlchen sind daselbst sehr häufig; von den Fringillen ziehen coelebs, montifringilla und spinus ; Krähen und Dohlen sind immer noch sehr zahlreich, ebenso die Singdrossel; von den Schwarzdrosseln sieht man nur noch die Weibchen und vorjährige junge Vögel ; die alten Männchen des Steinschmätzers sind im besten Zuge. Unter günstigen Witterungsverhältnissen kommen gegen Schluss des Monats alte Männchen des schwarz- rückigen Fliegenfängers und Gartenrtithlings, sowie der Dorngras- mücke, Sy. cincra vor; Sy. rufa macht jetzt der Sy. trochihis Platz; während warmer Tage treffen die ersten Ortolane und Baumpieper ein; Totanus calidris und glarcola werden des Nachts gehört und am Tage vereinzelt gesehen und bald folgt T. oc/u-opus nach. Die Männchen von Falco acsaloii imd tinmincnlus kommen nur noch vereinzelt vor und werden bald vollständig durch die sich mehrenden Weibchen ersetzt.

8 Der Zug der Vögel.

Mai dieser Monat zeichnet sich vor allen im ganzen Früh- lingszuge durch die grösste Fülle der Wanderer aus ; vorausgesetzt, dass das Wetter immer günstig für Herbeiführung der Erscheinungen sei. An Raubvögeln bringt derselbe Falco subbiiteo, apivorus und haliaetos ; Lanius collurio oft sehr zahlreich; höchst vereinzelt den Pirol. In grosser Zahl kommen während der ersten Wochen des Monats die schwarzrückigen Männchen von Miiscicapa htctuosa an; Mitte desselben ziemlich häufig M. gvisola, und vereinzelt die Nach- tigall; in grosser Zahl, manchmal massenhaft, die Männchen des nordischen Blaukehlchen, Sy. stiecica, zahllos die Männchen des Garten- röthlings , weniger zahlreich die Gartengrasmücke , Sy. hortensis , äusserst häufig Sy. cinerea, und vereinzelt an besonders warmen Tagen Sy. nisona , die Sperber-Grasmücke. Von den Laubvögeln ist Sy. trochilus sehr zahlreich, die sö~~ liebliche Sy. sibilatrix kommt aber nur hin und wieder in vereinzelten Stücken vor. Die Rohrsänger sind während des ganzen Monats in grosser Zahl durch Sy. phragmiiis vertreten, wohingegen palustris, arundinacea und lociistella jedoch nur ganz vereinzelt gesehen werden. Der Stein- schmätzer, Saxicola oeitanthe, ist immer noch sehr häufig, die Mehr- zahl derselben besteht jedoch schon aus Weibchen, und vom Wie- senschmätzer, Sax. rubetra, wimmelt oft die ganze Insel. Unter den Drosseln ist Turdus torquattis jetzt die häufigste, und T. nm- sicus bedeutend im Abnehmen begriffen nierula ist nur noch durch zerstreute Nachzügler vertreten.

Die gewöhnliche Schafstelze, Motacilla flava treibt sich in grossen Schaaren auf den Weideplätzen umher, und die schwarz- köpfige, Mot. melanocephala, ist derselben zerstreut beigemischt. Von Piepern kommt der Baumpieper sehr häufig, der Brachpieper, Anthus campestris, hingegen nur sehr vereinzelt, und der Richard- Pieper nur ausnahmsweise vor. Lerchen sieht man nicht mehr, es sei denn, dass eine der kleinen niedlichen kurzzehigen Lerchen Griechenlands oder Kleinasiens, Alauda brachydactyla , auftauche. Die Ammern sind zahlreich durch den Ortolan, und hin und wieder durch ein Exemplar des schwarzköpfigen Ammers , Emberiza melanocephala, vertreten. Von den Finken kommt fast nur noch der Stieglitz vereinzelt vor.

Die Hausschwalbe, etwas später die Mehlschwalbe und zuletzt die Uferschwalbe befinden sich sehr zahlreich auf dem Zuge, und die Mauersegler ziehen ununterbrochen in grossen Schaaren vorbei. Der Kuckuck ist ein täglich gesehener und manchmal sogar ge- hörter Gast; der Ziegenmelker kommt während aller warmen

Zug im Allgemeinen auf Helgoland. g

stillen Tage sehr häufig vor , ebenso der Wendehals , und weniger abhängig vom Wetter sieht man die Turteltaube , vereinzelt , zu dreien und vieren bis zum Ende des Monats.

Die Wasserläufer, Totanns Jiypoleiicos , glottis und fuscus gehören vorzugsweise zu den Maigästen. Ersterer belebt schaaren- weise den felsigen Strand an der Westseite der Insel, glottis kommt daselbst nur zerstreut vor , und fuscus wird nur sehr selten ge- sehen oder gehört.

Der Wachtelkönig, Crex pratensis, ist jetzt sehr zahlreich, das gesprenkelte Sumpfhuhn, Crex porzana , kommt ziemlich oft vor, und das hübsche Teichhuhn , Fulica chloropus, wird hin und wieder im Drosselbusch gefangen Fulica atra , das Blesshuhn, ist eine durchaus ausnahmsweise Erscheinung.

An besonders schönen warmen Tagen lassen kleinere und grössere Gesellschaften des Mornell-Regenpfeifers ihr munteres Kütt-Kütt-Kütt, Kütt, Kütt im Fluge hören und werden häufig im Verlaufe des Monats auf den Ackern herumsitzend geschossen ; anfänglich die weniger schön gefärbten Männchen, von Mitte des Monats an die Weibchen mit ihrer so ansprechenden Kopfzeichnung. Sehr schöne Stücke im ausgefärbten Hochzeitskleide des Gold- und Kibitzregenpfeifers kommen fast täglich vor, werden ihrer Scheuheit halber aber nicht sehr oft erlegt ; nur ausnahmsweise erscheint eine rostrothe Uferschnepfe , Limosa rufa , und ebenso selten Limosa vielamira. Auf dem Dünenstrande sind die Strandläufer, Tringa strcpsilas , alpin a , islandica und arenaria sehr häufig, das reine Sommerkleid der beiden letzteren erhält man hier jedoch nur höchst selten , strcpsilas öfter , von den ver- bleibenden Beiden aber sehr häufig. Der kleine schwarzbrüstige Strandläufer kommt als Tringa alpina vorherrschend am Dünen- strande, als T. Schinzii aber fast nur an einem kleinen Regen- wasserteiche der oberen Felsfläche der Insel vor. Ebendaselbst wird auch hin und wieder der kleine niedliche Temmincks Strand- läufer erlegt , Tringa niinuta , im Sommerkleide jedoch nur äusserst selten auf der Düne.

Ausser diesen wird der kleine Brachvogel imd der Austern- fischer sehr häufig gesehen, und macht letzterer sogar hin und wieder auf der Düne Brutversuche, erreicht es jedoch niemals. Junge gross zu ziehen.

Von den Secschwalbim kommt Stcrna anglica zerstreut im Laufe des Monats vor, cantiaca, niacroiira und hirundo in grossen Massen , minuta und nigra aber nur ganz vereinzelt.

lo Der Zug der Vogel.

Am Brüteplatz der Lummen herrscht jetzt das lebendigste Treiben : Während Massen der Brutvögel auf ihren Eiern sitzen, fliegen in ununterbrochenem Durcheinander Tausende der nicht so Beschäftigten hinauf, hinab und vorbei an der Felswand, ein ganz wundervolles Bild nordischen Vogellebens entfaltend. An einer etwas abgelegeneren Stelle brüten die Alke , A/ca torda , und hin und wieder verleihen einige Papagei -Taucher, Morinon fratercida, der Scene noch besonderen Reiz vor etwa fünfzig Jahren brüteten auch letztere hier noch in einigen Paaren , da man aber die Brutvögel von den Nestern wegfing, so findet dies leider nicht mehr statt.

Wenn gegen Ende des Mai das Wetter besonders günstig ist, so strömen während der Nachtstunden die meisten der oben genannten Arten in unabschätzbarer Zahl, eine grosse Wander- masse bildend , hier rastlos überhin und vorbei manche ver- einzelt , andere nach Arten in kleinere oder grössere Gruppen vereint , der fernen Heimath zustrebend. Um die Zeit des Sonnen- aufgangs und während der frühen Vormittagsstunden unterbrechen jedoch Tausende und Abertausende dieser Vögel ihre Reise, manche auch bei Sonnenuntergang , um einige Stunden auf Helgoland zu verweilen; die Art und Weise der Ankunft der meisten dieser Einkehrenden zu ermitteln ist jedoch, selbst bei aufmerksamster Beobachtung, eine absolute Unmöglichkeit namentlich bei den kleinen Sängern und ähnlichen Arten , ihre Zahl steigert sich von Minute zu Minute , ohne dass man einen einzigen Vogel aus der Höhe herabkommen oder in irgend welcher Richtung eilig zufliegen sähe. Manche von ihnen lassen sich schon , während es noch dunkel , auf den Feldern nieder , und sind , wenn es hell geworden ist, zu Tausenden da; anders aber ist es z. B. mit den Blaukehlchen , die kurz vor Sonnenaufgang eintreffen , und den Wiesenschmätzern, die erst ankommen, wenn es Tag geworden, von wo an sich aller Zahl fortwährend und so auffallend steigert, dass gegen zehn Uhr Vormittags nicht allein alle Weideplätze, alle Felder und Gärten der Insel überschüttet sind von Schaf- stelzen, Röthlingen , Stein- und Wiesenschmätzern, Blaukehlchen, Grasmücken, Laubvögeln und Schilfrohrsängern , sondern auch das Geröll am Fusse des Felsens , namentlich von Steinschmätzern, wimmelt , und auch das Gesträuch und der Sandhafer der Düne Tausende , besonders Sylvien , birgt.

Solche für den Vogelsteller und Sammler so günstige Ver- hältnisse führen dann nicht allein die gewöhnlichen Erscheinungen

Zug im Allgemeinen auf Helgoland. i i

in zahlloser Fülle herbei , sondern es ist dann auch stets auf einen oder den anderen seltenen südöstlichen Fremdling von beson- derem Werthe zu rechnen ich nenne nur Saxicola deserti, aurita und luorio ; Alatida pispoletta ; Sylvia mesoletica und agricola ; Emberiza luteola; Hirundo rufula, Charadriiis asiaüciis und fulviis und manche andere weniger interessante Schätze meiner Sammlung leider aber ist zur Herbeiführung solcher Erscheinungen das Zusammenwirken so mannichfaltiger meteorologischer Faktoren noth- wendig, dass ein vollständiges Gelingen zu den sehr seltenen Vor- kommnissen gehört, und seit langen Jahren sich denn auch nicht mehr ereignet hat.

Der Juni ist , wie zu vermuthen , der Zahl nach nicht mehr so reich ausgestattet als sein Vorgänger, jedoch dankt ihm die Sammlung nichtsdestoweniger ebenso viele, wenn nicht mehr, der selteneren Erscheinungen. Die ersten Tage desselben, wenn warm und von stillem schönem Wetter begleitet , bringen Sylvia hypolais, nisoria, pahistris und ai'iindinacea; vereinzelt Lanius minor imd rtifiis; hin und wieder Alauda brachydactyla die aber auch während der letzten Hälfte des Mai vorgekommen sowie Ejube- riza caesia und melaiiocephala ; eine oder die andere Staaramsel und derartige Fremdlinge vom fernen Südost.

Bis Mitte des Monats ziehen nebst den Obigen Muscicapa grisola einmal, den 3. Juni 1860, erhielt ich ein schönes altes Männchen von Mtisc. albicollis , Sylvia trochihis, Hirnndo riislica, tirbica und riparia: Caprinnilgus und Columba tiirhi?' immer noch durch , wenn jetzt auch nur in geringer Zahl. Hierauf erlischt der Zug nach imd nach und kommt auf kurze Zeit gänzlich zum Stillstände, denn die zerstreuten alten Charadrien, Limosen, Tringen imd dergleichen, welche bis zum Ende dieses und im Laufe des nächsten Monats vorkommen, sind keine regelmässigen Wanderer, sondern Müssiggänger, die einzeln und in Schaaren den Sommer über herumstreifen, ohne zu ihren Brutstätten zu gehen. Gleich- zeitig mit solchen sieht man hin und wiedei' einen oder einige alte Vögel anderer Arten, wie Staare, Drosseln und ähnliche, dies sind jedoch Stücke, die entweder den Gatten verloren, oder denen das Nest oder die Brut zerstört worden , und die nun , da es für c-inen erneuc-rlen Brulvcrsuch zu spät, und die regelmässige Zug- zeit noch nicht herangenaht ist, ebenialls müssig und planlos umherfliegen.

Das erste Anzeichen der rüeklluthenden Zugwoge biingrn ilic jungen Staare, die in kleineren oder gr()sscren Gesellschaften schon

12 Der Zug der Vögel.

mit dem letzten Drittheil des Juni auftreten und bis Ende des Monats und in den Juli hinein bis zu vielen Tausenden täglich anwachsen so z. B. im Jahre 1878, in welchem während vieler Tage des Juni und Juli Hunderttausende solcher jungen Vögel über und neben Helgoland dahinzogen.

Im Laufe des Juli verstärkt sich der Rückzug in bedeutendem Maasse; anfänglich werden neben den jungen Staaren junge Kibitze oft während der Morgenstunden in grosser Zahl in den Kartoffel- feldern angetroffen ; es folgen die ersten jungen Halsbandregen- pfeifer, Charadrius liiaticiila , etwas später Ch. auraius , Tringa pugnax und alpiua , weiterhin Brachvögel Nwneniiis phaeopus, Totanus calidris und bald auch T. glottis alles junge Vögel. Alte Kuckucke kommen von Mitte des Monats zurück. Die hier brütenden Lummen führen an stillen Abeaden ihre Jungen auf die See ; gegen Schluss des Monats verschwinden die hier ausge- brüteten jungen Sperlinge : die ersten jungen Steinschmätzer langen an und auch wohl ein einzelner junger Kuckuck.

Während der Nächte hört man die hundertfältigen Stimmen überhinziehender Strandvögel aller Arten, die in grossen Massen dem Winterquartier zueilen ihr Flug ist jetzt ausnahmslos von Ost nach West gerichtet.

Mit dem August beginnt der Zug sich wieder in seiner ganzen Grossartigkeit zu entfalten, namentlich sind es die verschiedensten Mitglieder der grossen Familie der schnepfenartigen Vögel : Chara- drien , Numenien, Limosen, Totaniden und Tringen, welche gleich zu Anfang des Monats in nicht endenden Schaaren die ganzen Nächte hindurch und weniger zahlreich am Tage überhinziehen. Neben diesen treten die ersten jungen Vögel von Sylvia trochilus, Muscicapa hictiwsa und grisola, Saxicola rubetra und ocnantJie auf, begleitet von einigen Sylvia sibilatrix und hypolais, sowie denn auch junge Kuckucke jetzt zu den täglichen Erscheinungen zählen alle diese steigern sich nach und nach an Zahl, worauf Mitte des Monats sich ihnen AntJuis arboreus und Embcriza hortiilana anschliessen, und während der zweiten Hälfte desselben die ersten Sylvia phonicurus^ citierea^ hortensis und suecica folgen.

Ist sodann am Schlüsse des Monats das Wetter warm , still und klar, von leichtem Südost und südlichen Winden begleitet, so sind alle Aecker und Gärten belebt von zahllosen jungen Fliegen- fängern, Laubvögeln, Sy. trochilus, Gartenrothschwänzchen, Dorn- grasmücken und Wiesenschmätzern , Sax. 7'ubetra; zahllose junge Steinschmätzer treiben ihr munteres Wesen am Rande der Klippe

Zug im Allgemeinen auf Helgoland. 13

und in dem Geröll am Fusse derselben ; die Weideplätze der Schafe wimmeln von jungen Schafstelzen. Junge rothrückige Würger halten Ausschau auf den äussersten dürren Spitzen der Drossel- büsche und der Gesträuche der Gärten ; junge Ziegenmelker, ohne weisse Schwanz- und Flügelzier, scheucht man aus jedem heimlichen Eckchen auf, und junge Kuckucke streichen über den Feldern dahin, um in einem Kohlacker den Raupen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Gleichzeitig mit letzteren stellt sich zahlreich der Wendehals ein und ist, im Grase kauernd, emsig beschäftigt, Ameisen aufzuspiessen; Mauersegler streifen umher und ziehen in grossen Schaaren unter vielem Geschrei überhin ; das heisere »Etsch« der Bekassine wird, namentlich in den Morgenstunden, vielfältig gehört. Letztere, wie alle genannten Arten, bestehen nur aus jungen Vögeln.

Schaaren von Kreuzschnäbeln, grau, gelb und roth, kommen im Laufe des Monats vor , aber merkwürdiger Weise nur , oder doch zumeist nur, bei stürmischem, von Regengüssen begleitetem Wetter.

An Raubvögeln treten Mitte des Monats vereinzelte junge Baumfalken auf, eine Woche später junge Finkenhabichte, junge Wander-, Thurm- und Lerchenfalken, sowie junge Flussadler und Wespenbussarde.

September. Während der ersten Hälfte des Monats steigert sich bei schcniem Wetter die Zahl aller obigen Arten auf das Höchste, die Kartoffelfelder wimmeln von den genannten Sängern, von Fliegenfängern, Stein- und Wiesenschmätzern. Der Ortolan und Baumpieper sind sehr häufig, erstere Art nun mit alten Männ- chen gemischt ; der Brachpieper kommt vereinzelt vor, und Stelzen- pieper, Antlms Richardi, in fast noch reinem hellgerandetem Jugend- kleide werden im Laufe des ganzen Monats mehr oder weniger zahlreich gesehen. Alle Schwalbenartcn ziehen in grossen Schaaren durch ; Schafstelzen sind zahlreich, und die jungen weissen Bach- stelzen erscheinen die Mehrzahl dieser Wanderer besteht aber immer noch aus jungen Vögeln.

Mitte des Monats beginnt der Wiesenpieper zahlieich auf- zutreten, Gartcnröthlinge werden häufiger, während Fliegenfänger abnehmen. Vom Fitislaubvogel beginnen die alten weniger intensiv gefärbten Vtigcl zu erscheinen, und einzelne \\^eidenlaubv(")gel, gelb- köpfigc Goldhähnclun, Rothkchklun und Kingdrosseln konunen an.

Gegen h^ndi- des Monats nehmen die jungen Steinschmätzer und jungen Goldregenpfeifer ab; Singdrosseln und Buchfmken be-

14 Der Zug der Vögel.

ginnen in grosser Zahl zu ziehen, und alte Vögel von Falco nisus, oesaloii, peregrinus und tinnmiculMS treten vereinzelt auf.

Der Oktober bringt nicht allein die mannichfaltigsten Arten des ganzen Herbstzuges, sondern auch weit überwiegend die grösste Individuenzahl irgend eines Abschnittes des ganzen Jahres : Krähen ziehen während seines ganzen Verlaufes in nicht endenden Schaaren von Plünderten und Tausenden über Helgoland und meilenweit zu beiden Seiten desselben dahin ; Staare ziehen in wolkenähnlichen Flügen zu gleicher Zeit vorbei ; von Singdrosseln wimmelt unter günstigen Wetterverhältnissen zu Anfang des Monats, namentlich während der Morgenstunden, buchstäblich die Insel ; die Individuen- zahl des in finsteren Nächten überhin- und vorbeiziehenden Wander- stromes der Feldlerchen entzieht sich jeder, auch nur annähernden Schätzung; von Wiesenpiepern und Buchfinken wimmeln oft Felder und Gärten, so dass, wie man seine Schritte auch wende, Wolken derselben vor einem auffliegen ; ebenso ist die Insel oft von un- zählbaren Goldhähnchen wie überschüttet. Weidenlaubvögel, Roth- kehlchen, Grasmücken, Braunellen, Felsenpieper, Berglerchen, Berg- finken, Bluthänflinge, Berghänflinge und Meisen treten je nach der Witterung in grösseren oder geringeren Massen auf. Für den Zuff der alten Bekassinen, der ;>Kleinen Stummen« und besonders der Waldschnepfe ist dies gleichfalls der Hauptmonat, so auch für die Schwarz- und Weindrossel, während Sing- und Ringdrossel bald an Zahl abnehmen , Wachholderdrosseln aber periodisch in Masse erscheinen. Die alten Steinschmätzer, Sax. oenanthe, ziehen eben- falls hauptsächlich zu dieser Zeit, aber nur in geringer Zahl.

Die selteneren Erscheinungen aus dem fernen Osten, an denen Helgoland so reich ist. Drosseln, Sylvicn und Ammerarten, treffen gleichfalls der grösseren Zahl nach im Laufe dieses Monats ein ; ebenso der grosse Würger, Lantus major, der kleine Fliegenfänger, Miiscicapa parva, und der Stelzenpieper, Anthus Richardi wenn auch der Zug dieser letzten Art schon den ganzen September gewährt haben sollte. Für das zahlreiche Erscheinen aller solcher Fremdlinge ist aber absolute Bedingung der oftgenannte, andau- ernde, schwache und warme Südost-Wind. Sollte dieser im Laufe des Monats sich zu grosser Heftigkeit steigern und etwas östlicher laufen, so führt er das ausnahmsweise Auftreten des Eichel- hähers in manchmal unbegreiflichen Mengen herbei, wie z. B. im Jahre 1882.

Vom Wanderfalken, Lerchen- und Thurmfalken , sowie vom Finkenhabicht kommen jetzt fast nur alte, ausgefärbte Stücke vor,

Zug im Allgemeinen auf Helgoland. 15

denen sich aber hin und wieder ein junger Gyrfalco beigesellt. Letztere Art ist hier noch niemals alt gesehen, wenigstens nicht erlegt worden, wohl aber in drei oder vier Fällen der nördlichere weisse Falke. Rauhfuss-Bussarde stellen sich nun ein und Eulen ziehen, Strix brachyoius, schon seit Anfang des Monats, Strix otus aber erst gegen Ende desselben. Die hier hin und wieder erlegten Strix Tengmalmi sind ebenfalls Ende Oktober und in einigen Fäl- len sogar bedeutend später vorgekommen.

Noch ist der nächtlichen Vogelzüge zu gedenken, die in ihrer überwältigenden Massenhaftigkeit, bei dem Lichte des Leuchtthurms gesehen, eine der eigenthümlichsten und anziehendsten Phasen des ganzen Wanderphaenomens bilden. Dieselben treten während der letzten Hälfte des Monats, besonders gegen Schluss desselben, am grossartigsten ein, und bestehen vorherrschend aus Feldlcrchen, dem- nächst, der Zahl nach, aus Staaren und Drosseln, immer begleitet von den vielfältigen Formen der grossen Familie der schnepfen- artigen Vögel. Merkwürdiger Weise, obzwar nur selten, tritt auch das gelbköpfige Goldhähnchen in derartigen Massen-Wanderflügen auf, so unter anderem in der Nacht vom 28. zum 29. Oktober 1882, während welcher der Leuchtthurm von diesen winzigen Ge- schöpfen wie von Schneeflocken umschwärmt ward , und jeder Ouadratfuss der Insel buchstäblich von ihnen wimmelte. Dieser Zug währte etwa von 10 Uhr Abends des einen Tages bis 9 Uhr früh des nächsten. Ein ähnlicher ausnahmsweise starker Lerchen- zug fand im Oktober 1883 statt.

Wenn unter der Wandelbarkeit des Wetters ein solcher Flug sich fast nie über die Dauer einer Nacht erstreckt, so währte der- selbe im letzteren Falle \\c.\ \()llc> Nächte, nach meinem ornitholo- gischen Tagebuche am 26. Abends um 11 Uhr mit »Milliarden Lerchen und nur ein geringes weniger Staarc« beginnend, und in wechselnder Massenhaftigkeit bis zu den Morgenstunden des 31. andauernd.

Das landschaftliche Bild, welches einer so reichen Entfaltung des Thierlebens zum Hintergrunde dient, ist an und für sich schon ein ganz ausserordt-nllich ft-ssflndes : eine ebenmässig stille schwarze Nacht, ohne Mond, ohne Stern, begleitet von ganz schwachem süd- «jstlichen Luftzuge, sind die Bedingungen für möglichst grossartige i'^ntfaltung solcher Wanderflüge ; ist gleichzeitig die Atmosphäre sehr stark von Feuchtigkeit erfüllt , so trägt dies zur Steigerung der Erscheinung ausserordentlich bei. Die glcichmässig tiefe l'insterniss , inmitten welcher der grosse helle Lichtkörper des

i6 Der Zug der Vögel.

Leuchtthurmes zu schweben scheint, die breiten Strahlen, welche nach allen Seiten hin von seinem Lichte ausgehen und in der trüben Luft sich bis in das Unendliche zu erstrecken scheinen, das Be- wusstsein der Nähe des grossen umgebenden Meeres und die voll- ständige Lautlosigkeit der ganzen Natur, bilden ein Ganzes von ernstester, nahezu grossartiger Stimmung.

In dieser weiten Stille vernimmt man zuerst vereinzelt das leise czip der Singdrossel, auch wohl hie und da den hellen Lock- ton der Lerche dann wieder ein oder zwei Minuten vollstän- diger Ruhe, plötzlich unterbrochen durch das weitschallende Ghiik der Schwarzdrossel, dem bald das vielfältige Tir-r-r einer vorbei- eilenden Schaar Strandläufer folgt die Lockrufe der Lerche steigern sich schnell an Zahl, man hört nah und fern kleinere und grössere Gesellschaften herannahen und entschwinden zu dem heiseren Etsch der Bekassinen gesellt sich das klare Tüth der Goldregenpfeifer, das lautgerufene helle Klü-üh des Kibitzregen- pfeifers, der wilde, weithallende Ruf des grossen Brachvogels, das vielfältige Schack-Schack-Schack der Wachholderdrossel, das gezo- gene Zieh der Rothdrossel dann eine eilige offenbar langge- dehnte Schaar des isländischen Strandläufers, erkenntlich an dem hundertfältig schnell ausgestossenen Tütt-tütt tütt-tütt tütt-tütt, und zahllose pfeifende, schnarrende und quäkende Stimmen, die allen hiesigen Jägern und Vogelstellern unbekannt sind, und an die Melodie knarrender Wagenräder erinnern, von denen aber manche sehr laut und rauh ausgestossene Rufe offenbar dem Fisch- reiher und seinen mannichfaltigen Verwandten angehören.

Das ganze Firmament ist jetzt erfüllt von einem Chaos von hunderttausenden fern und nah erschallenden Stimmen, und nä- hert man sich nun dem Lcuchtthurme, so bietet sich dem Auge ein Bild dar, welches dem durch das Ohr empfangenen mehr wie eben- bürtig sich anreiht : die das Leuchtfeuer in ab- und zunehmender Dichtigkeit umfluthenden Lerchen, Staare und Drosseln erscheinen in der so intensiven Beleuchtung wie helle Funken, die ihn gleich einem grossflockigen Schneegestöber umwirbein, stets verschwin- dend und stets durch neue Schaaren ersetzt Goldregenpfeifer, Kibitze, Austernfischer, Brachvögel und Strandläufer in grosser Zahl mischen sich dazwischen , hin und wieder wird eine Wald- schnepfe sichtbar, und mit langsamem Flügelschlage taucht aus der Finstcrniss eine Eule in dem Lichtkreise auf, bald wieder ver- schwindend, begleitet von den Klagetönen einer Singdrossel, die sie ergriffen hat.

. Zug im Allgemeinen auf Helgoland. 17

Die ganze lange Herbstnacht hindurch dauert ein solcher Strom an, wiederholt sich, wie schon angeführt, unter besonders günstigen Umständen sogar während mehrerer aufeinander folgen- der Nächte und ist keineswegs auf eine engbemessene sogenannte Zugstrasse beschränkt, denn der in der Nacht des 27. Oktobers 1883 hier stattgehabte, von Ost nach West gerichtete Millionenzug ward von einem jungen Helgoländer auch bei Hannover, achtundzwanzig Meilen südlicher, zu gleicher Zeit und in gleicher Massenhaftigkeit beobachtet ; mehr noch : der ost-westliche Heerzug des Goldhähn- chens im Oktober 1882 erstreckte sich in einer Front, nicht allein über die ganze Ostküste Englands und Schottlands, sondern reichte sogar bis zu den Faröern hinauf und solchen, durch den Men- schengeist nicht zu fassenden , Individuenzahlen gegenüber spricht man von wahrnehmbarer Verringerung der Vögel durch Menschen- hand ! In gewisser Hinsicht findet allerdings eine merkliche Be- einflussung durch den Menschen statt, nicht aber durch Netz und Schiessgewehr, sondern dadurch, dass die fortschreitende Boden- kultur jedes kleine oder grössere Gesträuch oder Gestrüpp als nutz- loses Hinderniss ausrodet und so dem Vogel auch den letzten heimischen Schutz seines Nestes raubt. Hat man solcherweise die armen Vögel in ferne , weniger dicht bevölkerte. Striche ge- drängt, so klagt man, ihren fröhlichen Gesang nicht mehr zu hören, ohne sich der selbst verschuldeten Ursache bewusst zu sein.

Der November hat seinen eigenen sehr ausgeprägten Charak- ter: die kurzen rauhen und kalten Tage vertreiben nunmehr auch die nördlicheren Land- und Seevögel aus ihrer Heimath ; unter crsteren nehmen grosse Schaaren der so ungestümen Schneeam- mern einen besonders hervorragenden Platz ein; neben diesen sind es Leinzeisige, die in kleineren oder grösseren Gesellschaften an- kommen und manchmal sich zu zahllosen Massen steigern. Der Blut- und Grünhänfling treten zahlreich auf, der Kernbeisser nur vereinzelt, der Garten- und Goldammer werden zerstreut gesehen und Bcrglerchen ziehen fast täglich in grosser Zahl , oft sich zu Hunderttausenden steigernd. Der Felsenpicper belebt in grossem Individuenrcichthum das Geröll und die tangbewachsenen Klippen des Meergestades , und neben ihm stellt sich der düstergefärbte Meerstrandläufer, Tringa maritima, ein.

Von den Oktobergästen kommen noch vereinzelte grosse Würger, Lanius major, mit einfachem weissen Flügelspiegcl vor; Krähen ziehen bis zur Mitte des Monats noch in grossen Schaaren, ebenso Staare, Wachholder- imd VVeindrosseln ; von der Schwarz-

Giitke, VoRelwirtP. :>. AiiH. 2

i8 - Der Zug der Vögel.

drossel sieht man nur noch alte Vögel. Feldlerchen ziehen am Tage und während der Nächte immer noch massenhaft, die niedliche kleine Haidelerche aber nur in kleinen Gesellschaften. Der Gold- regenpfeifer , der kleine Brachvogel , Austernfischer und Alpen- strandläufer ziehen während finsterer Nächte noch zu Tausenden Überhin, und während der Tage sieht man grössere und kleinere Flüge aller Arten wilder Gänse und Süsswasserenten in ununter- brochener Hast vorbeieilen. Von ausnahmsweisen Erscheinungen sind während dieser Zeit zu erwarten : der so schöne, grosse öst- liche Dompfaffe , Pyrrhula major, der Seidenschwanz , hin und wieder ein alter Stelzenpieper, ein kleiner Fliegenfänger oder ein nordischer Wasserschmätzer, Cinclus melanogaster.

Unter den jetzt auftretenden Raubvögeln ist es der Seeadler, Falco albicilla, den man, zumal bei östlichem Winde, umherkreisen sieht , aber fast immer nur junge Vögel , alte mit reinweissem Schwänze zählen zu den grössten Seltenheiten ; merkwürdiger Weise sieht man zumeist auch erst jetzt die wenigen Korn- und Wiesen- weihen , welche überhaupt hierherkommen , meist braune Vögel. Alte , blaue Lerchenfalken kommen oft , alte Wanderfalken ver- einzelt vor; die Sumpfohreule verschwindet nach und nach, und die Waldohreule tritt vereinzelt auf, auch der kleine hübsche Tengmalms-Kautz kommt jetzt als seltene Erscheinung vor.

Auf dem Meere entfaltet sich unter dem Eintreffen nordischer Fremdlinge ein ganz besonders reges und mannigfaltiges Leben : die Zahlen der dreizehigen Möve liegen ausser dem Bereich jeder Schätzung; die Sturm-, Silber- und Mantelmöve , alte wie junge Vögel, streifen und schweben aller Orten und zu allen Zeiten über dem Meere umher ; die kleine hübsche Zwergmöve sammelt sich während stürmischer Tage in grossen Massen unter dem Lee der Insel an, verschwindet aber sofort, sowie sich das Wetter bessert. Die stattlichen Raubmöven, Lcstris pomarina und parasitica, er- scheinen alljährlich im Laufe des November, der grossen Ueber- zahl nach sind es junge Herbstvögel; vereinzelt kommt auch zu dieser Jahreszeit die kleine Raubmöve, L. Buffoni, vor. Von der Familie der eigenthümlichen Sturmvögel , Frocellaria , erscheint P. glacialis meist vereinzelt, oft aber auch sehr zahlreich; P. Leachii wird nur sehr selten gesehen, die niedliche P. pelagica, der kleinste aller Schwimmvögel , kommt alljährlich vor und wird auch stets des öfteren erlegt ein gleiches ist mit der eigenthümlichen Vogelform Phalaroptis platyrhynchos der Fall. Die grossen Nor- dischen Taucher, Colynibiis glacialis und arcticus ^ sind nur sehr

Zug im Allgemeinen auf Helgoland. 19

vereinzelte Erscheinungen , ganz anders ist es aber mit C. scptcn- trioiia/is, der täglicli, nah und fern von der Insel angetroffen, sehr häufig geschossen wird und dessen Wandcrschaaren sich in einzelnen Fällen auf Hunderttausende steigerten. Noch ist zum Schluss des kleinen niedlichen Krabbentauchers, Alca alle, zu gedenken, der vereinzelt so ziemlich in jedem Jahre, während der letzten Hälfte des November, erlegt wird, und nur in Ausnahme -Fällen etwas häufiger auftritt alle solche Stücke sind stets in hohem Grade abgemagert.

Dezember, Während keines Monats des ganzen Jahres kommt die Einwirkung des zeitweiligen Wetters auf den Vogelzug in so schlagender Weise zum Ausdruck, wie im Verlaufe des Dezember: bleibt die Temperatur milde, so ziehen bis zum Schlüsse des Jahres Staare , Schwarzdrosseln , Wachholder- und Weindrosseln , sowie Waldschnepfen und Bekassinen; so kamen z. B. im Jahre 1873 nicht allein auf Helgoland bis zu Ende des Monats täglich Drosseln und Schnepfen, wenn auch in geringerer Zahl, vor, sondern, nach einer Mittheilung des Blattes »Field«, traf man auch auf den Lon- doner Märkten ausnahmsweise viele Schnepfen den ganzen Dezember hindurch an welcher letztere Umstand wohl als Beweis gelten kann, dass alle diese Vögel noch auf dem normalen ost-westlichen I lerbstzuge begriffen waren.

Ganz anders gestaltet sich diese Bewegung wenn , anstatt milder Temperatur, zu Anfang des Monats schon Frost und scharfer Ostwind eintreten, dann stürzt alles, was von diesen Arten, sowie von Brachvögeln , Goldregenpfeifern , Austerfischern und Strand- läufern, noch in den Sommerwohnungen verweilte, in einer Nacht dem Winterquartiere zu; während der Tage sieht man unzählige Flüge von Schwänen, Gänsen, Enten und Sägern über das Meer dahinziehen. Es zeigen sich sehr oft Seeadler, zahlreiche Mäuse- bussarde und einzelne Weihen; hin und wieder kommt unter solchen Umständen ein Dickfuss, Oedicnevius crcpitans , vor. Die alten Vögel von Tringa maritima, arenaria und islandica stellen sich mehr oder weniger zahlreich ein ; auf dem Meere trifft man Po- diccps cornutus ziemlich häufig, alte Vögel von Uria grylle eben- falls, sowie Colynibus arcticus und glacialis des öfteren an. Larus caniis ist häufig, junge Larus glauciis sind ziemlich gewöhnlich, und Lar. leucopterus wird hin und wieder erlegt. Die Eisentc taucht munter zwischen den Klippen nördlich von der Düne um- her und vereinzelte Weibchen der Trauerente umschwimmcn den Felsen.

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20 Der Zug der Vögel.

Wird der plötzlich eintretende Frost von schwerem Schneefall begleitet, so kommen in den Früh- und Vormittagsstunden des folgenden Tages Hunderte von Tausenden von Feldlerchen, Berg- hänflingen, Blut- und Grünhänflingen, Stieglitzen und Leinzeisigen an und bedecken buchstäblich alle schneefreien Plätze der Insel. Ist das Schneewetter andauernd, von heftigem Ostwinde und strenger Kälte begleitet, so sammeln sich sehr bald ziemlich zahlreich alle Arten nordischer Tauchenten auf dem Meere an; ausser den Weibchen und Jungen der Trauerente kommen zuerst zerstreut junge Sägetaucher, Mergiis serrator, bald gefolgt von jungen Schell- enten , an ; dieselben tauchen in kleineren oder grösseren Gesell- schaften, nach Nahrung suchend, ganz nahe am Fusse des Felsens umher. Darauf erscheinen in etwas weiterer Entfernung von der Insel Bergenten, Anas marila , diese haiten sich gewöhnlich in Schaaren zusammen und bestehen zum grossen Theile aus aus- gefärbten Männchen, ausnahmsweise erst später begleitet von einer oder einigen Tafelenten, Anas ferina. Der grosse Sägetaucher beginnt nun einzeln, zu dreien, sieben bis zehn Stücken umher- zustreifen, fast nur schöne alte Männchen ; die Weibchen mit rost- farbigem Kopfe werden mehr schwimmend angetroffen. Während dieses Stadiums des winterlichen Vogellebens kann ein tüchtiger Schütze mit verlässlichem Schiesszeug und gutem Pulver es im Laufe der Früh- und Vormittagsstunden schon auf fünfundzwanzig bis dreissig Stück bringen es gehört aber dazu, dass der Boot- mann auch jagdkundig sei und wisse, wie er sich dem Wilde zu nahen habe.

Soll sich jedoch dies nordische Vogelleben in seiner ganzen Grossartigkeit entfalten, so ist es nothwendig, dass sehr strenger Frost und Ostwind mehrere Wochen anhalte. Dann bilden sich nämlich auf den Untiefen längs der Holsteinischen Küste, von der meilenweiten Eibmündung bis zur Weser hinan, während der Ebbe grosse Eismassen, die, mit darauffallendem Schnee und überhin- spülenden Wellen , sehr bald eine Dicke von drei bis sechs Fuss erlangen ; die nächste Fluth macht diese Eisfelder flott und der Ostwind drängt dieselben seewärts; mit jeder Ebbe und darauf- folgenden Fluth wiederholt sich dieser Prozess, es belegt sich die ganze Bucht von der Jütischen Küste hinunter bis zur Jahde mit einer Decke fest zusammen und über einander gedrängter Eis- und Schneemassen ; mit jeder Ebbeströmung rückt dies Eisfeld näher auf Helgoland zu und erreicht schliesslich dasselbe ja, es ereignete sich schon, dass diese Erscheinung so gewaltige Dimen-

Zug im Allge:meinen auf Helgoland. 21

sionen annahm , dass auch westwärts hinaus das ganze Meer mit Eis bedeckt ward, und man, wie in den Jahren 1845 und 1855, sogar vom Leuchtthurm aus nicht die kleinste freie Wasserfläche zu erbUcken vermochte.

Die nordischen Tauchenten, welche sich Anfang des Winters längs des ganzen obigen Küstenstriches angesammelt haben , weil sie dort, gegen den Ostwind geschützt, ruhige Futterplätze vor- finden, werden durch das Eis auf tieferes Wasser gedrängt. An- fänglich freilich, wenn der etwa eine Meile breite Eisgürtel durch die Fluth gehoben und vom Ostwind auf die See hinaus getrieben wird, und zwischen demselben und dem Lande wieder freies Wasser entsteht, fliegen die Enten dahin zurück ; im Verlaufe einiger Tage nehmen die Eismassen jedoch so zu, dass den Vögeln dieser Aus- weg verschlossen wird , und sie von nun an nothgedrungen vor dem Eisfelde her auf die See hinaus gehen müssen und so sehr bald in die Nähe Helgolands gelangen.

Mittlerweile hat sich auch die Ostsee mit Eis bedeckt , und alle die zahllosen Schaaren von Enten und Sägetauchern , welche dort zu wintern vermeinten , überfliegen in westlicher Richtung Holstein und gesellen sich zu den schon ungeheuren Schwärmen des Norden.

Da nun einestheils das weniger tiefe Wasser der Umgebung Helgolands den Thieren ihr Tauchen nach Nahrung in bedeutendem Grade erleichtert, anderentheils die Nahrung selber, kleinere Crustaceen und dergleichen, auf diesem von Felsriffen durchzogenen Gebiet in viel grösserer Fülle vorhanden ist, so wird die Individuen- zahl der sich hier unter solchen Umständen ansammelnden Arten schiesslich eine jeder auch nur annähernden Schätzung spottende.

Zu den anfänglich Genannten gesellen sich nun sehr viele alte Männchen der Schellente und des Halsband-Sägetauchers, und in ungeheurer Zahl die alten Männchen der Trauerente, sowie zuletzt die der Sammetente weniger zahlreich alte INIännchen der Eider- ente. Als letzte Erscheinung möge der kleine Sägetaucher, Mcj^c^hs albellus, genannt werden, der jedoch stets nur in wenigen Stücken in die Nähe Helgolands kommt.

Der Anblick, welcher sich jetzt bis zu mcilenweiter Entfernung von der Insel darbietet , ist ein so wunderbar schöner wie eigen- thümlich grossartiger: Nach Norden, Osten und Süden hinaus dehnt sich ununterbrochen das unabsehbare weisse Eisfeld ; unter seinem meist scharf begrenzten Rande herrscht Windstille, und das glatte Meer ist von Myriaden grosser glänzend schwarzer leiten bedeckt;

22 Der Zug der Vögel.

der Insel näher halten sich die kleineren Arten auf, und vor- herrschend nordwärts von derselben schwimmen in Gesellschaften von achtzig bis hundertundfünfzig Stücken die schönen alten Männchen des Halsband -Sägetauchers. Unzählbare Massen aller Arten streifen ausserdem nach allen Richtungen hin, und in jeder Richtung in grösseren und kleineren Flügen, einzelnen Stücken wie paarweise umher; ja, ich habe Tage erlebt, an welchen der Blick nicht allein nach jeder Himmelsrichtung hin, bis zur weitesten Ferne, die das Auge zu erreichen vermochte, auf in jeder Richtung sich kreuzende Schwärme dieser Vögel traf, sondern auch, wenn aufwärts gewendet, dort oben einem solchen Gewimmel begegnete, dass die in fernster Höhe schwärmenden Thiere nur noch wie kaum wahrnehmbarer Staub erschienen das ganze Himmels- gewölbe also buchstäblich bis zu mehreren Tausend Fuss Höhe von diesen hochnordischen Gästen erfüllt war. Mit hastigen Flügel- schlägen eilen hier Schaaren grünlich glänzender Trauerenten vorbei, deren Weg durchschneidend streifen zwanzig tiefschwarze Sammet- enten mit blendend weissem Flügelschilde daher; an ihrem schön dunkelgrünen Kopf und dem eigenthümlich runden weissen Fleck zwischen Schnabel und Auge in weiter Ferne schon kenntlich, fliegen die schönen Schellenten einzeln und truppweise hierhin und dorthin. Kaum hat sich der Blick einer langen Kette der so sauber gezeichneten Bergenten zugewandt, als auch schon wieder eine Anzahl der prachtvoll röthlich-isabell gefärbten grossen Säge- taucher die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zwischen allen diesen wimmelt es, wie Insektenschwärme, von heller oder dunkler braun- grau gefärbten Weibchen und Jungen aller möglichen Arten , und der rastlos schweifende Blick findet nirgend einen Ruhepunkt plötzlich erklingen , erst schwach , dann lauter , Töne wie ferne Trompetenstösse , welche die Aufmerksamkeit wieder aufwärts lenken, wo achtzehn bis zwanzig nordische Singschwäne in schneeig weissem Gefieder, in langer Reihe unter gemessenen Flügelschlägen ruhig überhinziehen.

Das sind Tage für den leidenschaftlichen Jäger und Ornitho- logen ! Aber leider ereignet sich derartiges nur so äusserst selten, denn nicht allein ist zur vollständigen Entfaltvmg dieser so wunder- baren und eigenartigen Phase des Vogellebens andauernder sehr scharfer Frost mit Schneefall erforderlich , sondern es muss auch die Windrichtung wenigstens während vier Wochen eine ununter- brochen östliche sein. Dieselben Ursachen, welche dann dem umgebenden Meere ein arktisch winterliches Ansehen geben, ver-

Zug im Allgemeinen auf Helgoland. 23

leihen auch der kleinen Insel selbst einen vollständig polaren Charakter : die vereinten Kräfte von Wind und Strömung drängen grosse Eisschollen von vier bis sieben Fuss Mächtigkeit auf den Strand und auf die Riffe ; an den Felswänden, namentlich an der Südspitze der Insel , thürmen sich diese gewaltigen Massen in abenteuerlicher Gestaltung zwanzig, dreissig Fuss hoch über einander, Schnee bedeckt theilweise dies Chaos, und die, unter der düsteren winterlichen Atmosphäre in so tiefer Farbenstimmung dasselbe überragenden zerrissenen Felswände bilden dazu einen Hintergrund und gestalten das Ganze zu einem Bilde , wie es die lebendigste Phantasie nicht ernster und schöner zu erfinden ver- möchte.

An der Nordseite der Insel , wo die Felswände etwas über- hängen, am Fusse mehr oder weniger stark unterwaschen und grottenartig gehöhlt sind, fliesst das ganze Jahr hindurch zwischen den dorthin geneigten Steinschichten Feuchtigkeit ab. Bei strengem Froste bilden sich hier zuvörderst kleinere Eiszapfen , die aber sehr bald, höher und tiefer, in Mannesgrösse von der Felswand herabhängen ; sie nehmen, durch das ununterbrochen nachfliessende Wasser genährt, sehr rasch an Umfang und Länge zu, bis sie in unregclmässigen Abständen den Felsboden erreichen, Säulen von zwanzig bis sechzig Fuss Höhe bildend , zwischen und innerhalb welcher man hindurch zu gehen vermag eine wunderbarere, phantastischere Schöpfung ist kaum denkbar. An einer anderen Stelle, wo etw^a in halber Höhe der Felswand das Gestein sich unregelmässig terrassenförmig abwärts senkt, überzieht nach und nach das abfliessendc und gefrierende Wasser all die in mannich- faltiger Abwechselung gestalteten Absätze mit dicken Eisschichten, die der Natur ihrer Entstehung entsprechend durchaus die Form- bildung eines hundertfältig gegliederten Wasserfalles aufweisen , und den Eindruck gewähren , als sei ein solcher inmitten seines lebendigen Laufes plötzlich in eisige Erstarrung gebannt.

Die einsamen Ausflüge , welche ich in später Nachmittags- stunde zwischen diesen Gebilden hindurch gemacht, während aus düsternder Hcihe die grossen Schneeflocken langsam und lautlos zur Erde herabsanken, bilden diejenige Erinnerung meines früheren so eifrigen Jägerlebens, nach welchem die Sehnsucht am häufigsten und mächtigsten zurück mich führt.

IL Richtung des Wanderflugs.

lENDET Man sich von dem allgemeinen Bilde des Vogel- zuges den einzelnen Erscheinungen desselben zu, so ist es vor allem die Richtung des Fluges der dahineilenden Schaaren, welche die Aufmerksamkeit des Beobachters in besonderer Weise fesselt. Der Vorgang scheint sehr einfach zu verlaufen, so lange sich die Forschung nicht über den Horizont des Standortes hinaus erstreckt, versucht man jedoch den Pfad der Wanderer bis zu seinem Endziel zu verfolgen, so gestaltet sich die Frage oft zu einer anscheinend unentwirrbaren; namentlich ist dies der Fall betreffs des Herbstzuges, welcher die Vögel von der Heimath bis zu den meist sehr fernen Winterquartieren führt. Der Verlauf des Frühlingszuges ist dagegen ein sehr einfacher.

Ein grosser Theil der Wanderer bewegt sich zwischen Ost und West , ein anderer zwischen Nord und Süd. Solche Arten, denen die westlichen Länder Europas noch keine genügenden Winterquartiere bieten, brechen dort ihren Westflug ab, um in südlicher Richtung weiter zu ziehen; diejenigen jedoch, deren Herbstzug ein südlich gerichteter ist, halten diesen Flug von den Brutstätten bis zum Ende der Reise inne, manche derselben unter einer geringeren oder bedeutenderen östlichen Abweichung.

Vorherrschend wird der Zug in einer breiten Front zurück- gelegt , die bei den westlich wandernden der Breitenausdehnung ihres Brutgebietes entspricht und bei den südwärts ziehenden der Längenausdehnung ihrer Niststätten gleichkommt. Die in neuerer Zeit viel besprochene Ansicht, dass die wandernden Vögel den Richtungen von Meeresküsten, Stromgebieten oder Thalsenkungen, als festen Zugstrassen folgen, dürfte nicht haltbar sein; ihr wider- sprechen zu viele Thatsachen, unter welchen, als eine der schla- gendsten, der Flug des am fernsten von Helgoland heimischen

Richtung des Wanderflugs. 25

seiner Besucher, des Richard - Piepers , angeführt werden möge. Wie viele grosse Ströme nebst der Uralkette derselbe während seiner Reise von Daurien bis Helgoland allherbstlich in einem fast rechten Winkel überfliegt , weist schon ein flüchtiger Blick auf die Karte auf das schlagendste nach.

Was hier auf Helgoland von der Wegrichtung der ziehenden Vögel zur unmittelbaren Wahrnehmung gelangt, d. h. was man am Tage zu sehen oder während der Nachtstunden an den Lock- rufen der überhinziehenden Wanderer zu erkennen vermag, und was von allen so zur Beobachtung kommenden Arten und Indi- viduen streng eingehalten wird, ist ein im Herbst von Ost nach West gerichteter und im Frühjahr in entgegengesetzter Richtung verlaufender Flug. Seltene Abweichungen hiervon übersteigen ein bis zwei Kompassstriche nicht.

Auf diesem einfach westlich gerichteten Herbstzuge erreichen jedoch nicht alle Arten die Gebiete ihres Winteraufcnthaltes, son- dern viele derselben haben sich früher oder später südwärts zu wenden, um in die entsprechenden tieferen Breiten zu gelangen ; bei manchen Arten wird die ursprüngliche westliche Flugrichtung während der ganzen ungeheuren Wegstrecke von den östlichen Amurländern bis zum westlichen Spanien eingehalten , dort erst südlich abbiegend , um bei Gibraltar das Mittelmeer zu über- schreiten ; andere , höher nördlich heimisch, wenden sich in Eng- land südwärts , luii über den Kanal nach Frankreich oder über das Biscayische Meer nach Spanien zu gelangen ; und noch andere aus dem hohen Norden des europäischen oder asiatischen Russland stammend , thun dies schon im oberen Skandinavien. Dass eine solche Aenderung der Flugrichtung nicht etwa durch Erblickung des Meeres veranlasst werde, geht daraus hervor, dass die ziehen- den Schaaren schon lange vor Erreichung desselben ihren Kurs ändern; es gc^langt z. B. die giaue Krähe nicht bis in das westliche P^ngland, sondern wendet sich schon in der Mitte des Landes südwärts.

Den westlich gerichteten Herbstzug der am Tage ziehenden V()gel bringen neben Bussarden, Staaren, Lerchen, Seglern, Re- genpfeifern, Brachvögeln und Gänsen ganz besonders deutlich zui- Anschauung die zahllosen Schaaren der meist sehr niedrig ziehen- den Krähen, Corvus cornix. Das Brutgebiet dieser Art erstreckt sich ostwärts bis Kamtschatka; nach den langjährigen Beob- achtungen Eugen von Homeycrs kommen in Pommern die wan- dernden Flüge von Osten her an und ziehen in westlicher Richtung weiter; diejenigen dieser Wanderer, welche in Holstein über-

26 Der Zug der Vögel.

nachten, treffen hier in Helgoland um acht Uhr in der Frühe ein, von da an folgt, in Hunderten und Tausenden Schaar auf Schaar ohne Unterbrechung bis etwa um zwei Uhr Nachmittags; alle werden am östlichen Horizont sichtbar, diejenigen der breiten Front ihres Zuges , welche hinter der nördlichen Spitze der Dünenhügel auftauchen, ziehen in gerader Linie über Helgoland dahin, was eine genau ost - westliche Flugbahn ergiebt ; sie verschwinden im fernen Westen über dem Meere, der Küste des mittleren England zusteuernd ; dort werden sie wiederum so genau östlich am Hori- zont sichtbar, dass der Volksmund ihnen daraufhin den Namen Dänische Krähen beigelegt hat. Aber auch jetzt endet dieser west- lich gerichtete Flug noch nicht ganz. Der eifrige Forscher John Cordeaux, dessen Beobachtungsgebiet an der Ostküste Englands in gleicher Breite mit Helgoland liegt, theilt mir mit, dass solche Schaaren ziehender Krähen nach Erreichung der dortigen Küste sich nicht sofort niederlassen, sondern ihren Weg landein in west- licher Richtung verfolgen, und Stevenson (Birds of Norfolk^ I. p. 261) führt an, dass auch noch im Innern des Landes Hunderte dieser Vögel während des Herbstzuges in westlicher Richtung ihren Flug fortsetzen. Ein Theil der so Zugezogenen verbringt den Winter im östlichen England, bis in seine westlichen Theile ge- langen nur einzelne derselben, denn Rodd (Birds of Cornwall and Scilly Islands, p. 64) sagt, dass er die graue Krähe nur als zu- fälligen Besucher aufführen könne. Nach Irland erstreckt sich der Zug ebensowenig; es leben zwar daselbst Krähen, diese sind aber dort heimisch und verlassen das Land nicht, auch findet kein Zuzug statt, denn nach den eingehenden Beobachtungen und Mit- theilungen Thompsons {Natural History of Ireland, Vol. L, Birds, p. 310) steigert oder vermindert sich zu keiner Zeit des Jahres die Zahl derselben.

Für all die Millionen von Krähen , welche jeden Herbst von hier aus über die Nordsee nach England fliegen, bieten nun aber die östlichen und mittleren Provinzen des Landes auch nicht ent- fernt genügenden Raum, um daselbst überwintern zu können. Da sie nach Rodd und Thompson weder das westliche England noch Irland erreichen , und nach Stevenson in Norfolk nur noch nach Hunderten zählen, so ergiebt sich, dass sie schon sehr früh über den Kanal nach Frankreich gehen, und demnach ihren weiten Westflug durch einen südlich gerichteten Abschluss beenden.

Wenn in dem Vorhergehenden nun auch nur eine in ost-west- licher Richtung zurückgelegte Wegstrecke von nahezu zweihundert

Richtung des Wanderflugs. 27

INIeilen nachgewiesen worden , so darf dieser Nachweis wohl die Annahme rechtfertigen , dass all die endlosen Schaaren dieser Krähen, deren Individiienzahl weit über die Möglichkeit irgend einer auch nur annähernden Schätzung hinaus Hegt, vom Beginn ihres Zuges schon diese Richtung eingehalten haben , und in der That kann auch nur ein Brutareal, welches von der Westgrenze Russlands sich ostwärts bis nach Kamtschatka erstreckt, einen Wanderstrom von solcher Mächtigkeit hervorbringen, wie ihn diese Krähen während des ganzen Oktober und einem grossen Theil des November allherbstlich hier darbieten.

Mit welcher Beharrlichkeit , oder besser Hartnäckigkeit die Flugrichtung der ziehenden Vögel eingehalten wird, auch dafür liefern diese, vorherrschend niedrig ziehenden Krähen einen sehr schlagenden Beweis. Es geschieht nämlich während des Herbst- zuges öfter, dass sie hier draussen in See in einen stärkeren Wind hineingerathen, als ihnen zusagend ist ; hierzu gehört besonders ein heftiger Südost. Um der Unannehmlichkeit zu entgehen, dass dieser Wind ihnen schräg von hinten in das Gefieder wehe, wen- den sie den Körper südwärts, anscheinend in dieser Richtung flie- gend ; dem ist aber nicht so : nicht die geringste Vorwärtsbewegung findet statt, sondern der Flug geht ebenso genau westwärts, und mit derselben Geschwindigkeit von statten, als ob die Vögel unter günstigen Umständen geradeaus, d. h. in der Achsenrichtung ihres Körpers sich dahin bewegten. Die über dem Scheitel des Beob- achters dahinziehenden Schaaren veranschaulichen dies in über- zeugendster Weise.

Nicht allein die Krähen, sondern auch manche, vielleicht alle anderen Arten besitzen die Fähigkeit, sich nicht nur unter zwin- genden Einflüssen während ihrer Wanderflüge, sondern auch wäh- rend ihrer täglichen Lebensthätigkeiten einer solchen seitwärts gerichteten Flugbewegung und beliebiger Beschleunigung derselben sowohl für vorübergehende Zwecke wie andauernd zu bedienen. Anfänglich glaubte ich , dass die Krähen , als nicht sehr ausge- zeichnete Flieger, gleich einem schlecht segelnden Schiffe, bei hef- tigem Seitenwinde ebensoviel Abtrift leewärts hätten, als sie ge- radeaus flögen, und dass solcherweise ihre Zugrichtung sich demnach ziemlich genau west gestalte. Fortgesetzte Beobachtungen haben mich jedoch von der Hinfälligkeit dieser Auffassung überzeugt; auch habe ich in zahllosen Fällen nicht nur Krähen, sondern auch Bus- sarde, namentlich auch Wespenbussarde, einen gleichen Wanderflug innehalten sehen; Möven, besonders Laras »larinus, argt-ntatiis und

28 Der Zug der Vögel.

caniLS bieten den Anblick eines schnelleren oder langsameren, im rechten Winkel mit der Achsenlage ihres Körpers, bald rechts bald links sich bewegenden Fluges täglich und stündlich dar.

Einen weiteren Beleg für den fern von Ost nach West ge- richteten Herbstziig bietet der Wespenbussard. Die Brutzone dieser Art erstreckt sich unterhalb des Polarkreises von Skandi- navien aus durch das europäische und (nach Pallas) ganze mittlere asiatische Russland. Es muss dieser Bussard in den endlosen Wäldern dieser letzteren beiden Gebiete thatsächlich sehr zahl- reich brüten, denn nur so ausgedehnte Nistreviere können eine solche Anzahl von Individuen hervorbringen, wie hier manchmal im Laufe des September auf westlich gerichtetem Wege vorüber ziehen. In Deutschland und Frankreich tritt diese Art nur noch zerstreut als Brutvogel auf, und in Spanreti wird sie als solcher nicht mehr angetroffen*); bewegte sich der Herbstzug dieses Bussards somit in südlicher oder südwestlicher Richtung, so müsste er wäh- rend desselben etwa vom Baikal-See bis Griechenland und Italien zahlreich gesehen werden, dem entgegen kommt derselbe jedoch während dieser Zeit nur höchst selten und ausnahmsweise in Tur- kestan, an der unteren Wolga und in Griechenland vor, (Sewertzoff, Dresser, von der Mühle) wird auf Malta (Wright) nur in kleinen Gesellschaften von fünf bis höchstens zwölf Stücken gesehen, ist auf Sardinien gar nicht beobachtet und sogar auf den Balearen vom Major A. von Homeyer nicht angetroffen werden. In Nordost- Afrika ist derselbe sehr selten und bei Algier nur vereinzelt vor- gekommen.

Plötzlich tritt aber dieser Bussard bei Gibraltar und der ge- genüber liegenden Afrikanischen Küste in grossen Massen auf. Favier (Irby, OrnitJwIogy of Gibraltar) sagt, dass während des Frühlingszuges Schaaren von weit über hundert Stücken bei Tan- ger , nordwärts fliegend , gesehen worden , und Irby stimmt dem für Gibraltar bei , hinzufügend , dass dieser Zug sich über mehr als zwanzig Tage erstrecke. Beide Beobachter bemerken dabei, dass diese Vögel im Herbst in viel geringerer Zahl gesehen werden und Flüge von fünfzehn Stücken nicht übersteigen; Lord Lilford beobachtete jedoch im Innern Spaniens grosse Schaaren, »large flocks«, im September südwärts ziehend. Diese Verschiedenheit in der Stärke des Frühlings- und Herbstzuges ist aber nur eine anscheinende, indem die Wespenbussarde in der letzten Jahreszeit

*) Nach Vayreda (Fauna ornitologica de Gerona) brütet sie in der Frank- reich benachbarten Provinz Gerona. Bl.

Richtung des Wanderflugs. 29

auch während der Nachtstunden ziehen, und somit grosse Massen der im Frühjahr so zahheich am Tage gesehenen im Herbst das Meer bei Gibraltar unbemerkt während der Nächte überflogen haben. Hier auf Helgoland z. B. werden während des nächtlichen Vogelfanges beim Leuchtfeuer im Herbst des öfteren Wespenbussarde erbeutet, was im Frühjahr aber noch niemals vorgekommen ist.

Nach Portugal gelangt der Wespenbussard nicht, (Tait, Bin/s of Portugal, Ibis, 1887) es bestätigt sich also auch hier, was schon bei den Krähen hervorgehoben worden, dass nicht das Erblicken des Meeres die westwärts ziehenden Vögel bestimmt, sich plötzlich süd- wärts zu wenden, sondern dass dies ohne nachweisbare Veranlassung als Abschluss des westlich gerichteten Wanderfluges mitten im Lande stattfinde. Auch bietet diese Art eine gleiche Erscheinung schon in England dar. Dort ist der Wespenbussard ein nur ganz ver- einzelter Brutvogel, trifft aber während des Herbstzuges an dessen Ostküste ziemlich zahlreich ein ; diese den asiatischen und euro- päischen oberen Grenzen ihrer Brutzone entstammenden Stücke finden in England schon den Abschluss ihres westlichen Fluges, sie wenden sich dort südlich, um durch das westliche Frankreich und durch Spanien nach Afrika in ihr Winterquartier zu gelangen. Das Biscayische Meer dürften wohl nur wenige überfliegen , denn nach Rodd [Bij-ds of Cor nw all) sind diese Vögel in jener West- spitze Englands, einschliesslich der Scilly-Inseln, eine sehr seltene Erscheinung. Immerhin muss dies aber doch hin und wieder ge- schehen , da nach Thompson dreimal Pärchen dieser Vögel wäh- rend der Sommermonate in Irland gesehen wurden , und auch in jedem Falle einer derselben erlegt ward.

Des schon anfänglich kurz erwähnten, so schlagenden Bei- spiels eines fern westlich gerichteten Wanderfluges möge hier noch- mals gedacht werden. Der Richard -Pieper, Antktis RicJianii , durchwandert währ(>nd seines Herbstzuges thatsächlich die unge- heure Wegstrecke vom Ochotzkischen Meere bis zu dem vom At- lantischen Ozean bespülten Spanien. Es ist zwar bei Behandlung mehrerer zwischen Nord und Süd ziehender Arten die Ansicht ausgesprochen worden, dass deren Züge, je nach ihrer nördlicheren oder südlicheren Heimath, sich nur über eine bestimmte, dementspre- chend h(")hcr oder tiefer liegende Zahl von Breitegraden bewege, dieser Pieper liefert aber einen mianfccht baren JM-leg dafüi', dass bei den von Ost nach West gerichteten Wanderzügen analoge, in Längegrade zerfallende Stufenfolgen nicht anzunehmen sind, indem diese interessante Art als Brutvogel einzig und allein auf Daurien

30 Der Zug der Vögel.

beschränkt ist, woselbst es Dybowsky vor etwa zwanzig Jahren ge- lang, die Nester derselben aufzufinden, während keiner der zahl- reichen früheren oder späteren Reisenden, welche das europäische und asiatische Russland ornithologisch durchforschten , sie westlich vom Baikal-See brütend angetroffen hat.

Wie wunderbar auch immerhin die Wanderreise dieses nur kleinen Vogels von einem Ende der alten Welt bis zum anderen erscheinen möge, so unterliegt es dennoch keinem Zweifel , dass die während des Herbstzuges hier auf Helgoland, in Holland, Eng- land, Frankreich und Spanien vorgekommenen Richardpieper dem fernen Daurien entstammen, wobei noch bemerkt werden mag, dass diese, so fern von ihrer Heimath angetroffenen Stücke kei- neswegs als vereinzelte oder gar »verirrte« Seltenheiten angesehen werden dürfen, denn dieselben kommen~~nicht allein regelmässig jeden Herbst auf Helgoland vor, sondern sie erscheinen auch öfter in der vergleichweisen grossen Zahl von zehn bis fünfzig an einem Tage, eine Zahl, die sich in zwei oder drei Fällen bis zu Hun- derten steigerte.

Dem Richardpieper Hesse sich noch das kleine gelbbrauige Laubvögelchen , Sylvia superciliosa , anreihen , welches gleichfalls Brutvogel im östlichen Asien ist, und dennoch neben seinem nor- malen südlichen Herbstzuge auch ziemlich zahlreich weit westwärts wandert. Hier auf Helgoland erscheint dasselbe bei günstiger Witterung regelmässig jeden Herbst und muss , da hier auf der kleinen Insel des öfteren zwei , drei und mehr Stücke an einem Tage beobachtet worden, in Deutschland ebenso regelmässig und ziemlich zahlreich vorkommen; unzweifelhaft setzt es seinen Zug von dort aus bis Frankreich und vielleicht noch weiter fort. In England ist es nur zweimal erlegt worden, aber zweifellos über Helgoland viel öfter dahingelangt wie viel günstige Umstände müssen aber zusammentreffen, bis in dem endlosen Gebüsch und Gestrüpp von Gärten und Flussufern ein so winziges Thierchen bemerkt , erkannt und erlegt werden kann , zumal da wohl sehr wenigen der europäischen Ornithologen der Lockton dieser Art be- kannt sein dürfte.

Wendet man sich von den obengenannten Vögeln zu solchen zurück, deren Zugrichtung, auf unmittelbare Sinneswahrnehmung gestützt, nachgewiesen werden kann, so bieten während der Dauer des Tages Lerchen, Staare, viele Sumpfvögel und besonders die vielbesprochenen , grossen , dunkelfarbigen , in dichten Schaaren ziehenden Krähen , zwar sehr deutliche , der Individuenzahl nach

Richtung des Wanderflugs. 3 i

aber immerhin noch beschränkte Anhaltspunkte dar. Ganz anders gestaltet sich dies aber im Laufe solcher finsteren Herbstnächte, während welcher starker Zug stattfindet ; dann hat man in viel ausgedehnterer und interessanterer Weise Gelegenheit, derartige Beobachtungen zu machen. Die weithallenden Stimmen der, oft das ganze Firmament erfüllenden, Massen von Regenpfeifern, Brach- vögeln, Limosen, Austernfischern, Wasserläufern, Strandläufern und vieler anderen weniger lauten Arten, wie Lerchen und Drosseln, künden dann durch die Stille der Nacht aus weiter Ferne schon sehr vernehmbar an , von welcher Himmelsrichtung her sie ein- treffen, und wiederum sagen es ebenso deutlich die nach und nach verhallenden Laute der Davonziehenden, in welcher Richtung sie enteilen : aller Flug geht rastlos und unwandelbar in einer von Ost nach West gerichteten Strömung dahin.

Zu einem gleichen Ergebniss haben die mannichfaltigsten, unmittelbar in der freien Natur gemachten Beobachtungen anderer Forscher geführt ; allen voran möge die gewichtige, unanfechtbare Stimme Naumanns stehen. In seinem unvergleichlichen Werke spricht er es wieder und wieder auf das Bestimmteste aus, »dass die Vögel beim Wegzuge vom Aufgang gegen den Niedergang der Sonne ziehen und so umgekehrt , wenn sie im Frühjahr wieder- kommen;« oder »dass ihr Zug im Herbst gerade von Osten nach Westen gerichtet ist.« Durch genügsame Beispiele wird von ihm nachgewiesen, unter welchen Umständen man dies am Tage beob- achten könne oder des Nachts aus den Stimmen der Vögel wahr- zunehmen vermöge. (Vögel Deutschlands, I. Einleitung.)

Ein gleiches Ergebniss haben die höchst interessanten Beob- achtungen geliefert, welche seit 1879 auf den Leuchtthürmen und Leuchtschiffen der Englischen und Schottischen Küsten, über Arten, Zahl und Flugrichtung der ziehenden Vögel gemacht worden sind. Nach diesen Beobachtungen trafen an der Englischen Ostküste alle herbstlichen Wanderer, mit Ausnahme mancher nordischen Schwimmvögel, auf westlich gerichtetem Fluge ein. Ein Gleiches fand an der Schottischen Ostküste statt und hier hatte man ausserdem Gelegenheit, zu beobachten, wie dieser Flug in unver- änderter Richtung über das Land hin bis zur Westküste desselben fortgesetzt wurde. In manchen Fällen endete auch dort diese Flugrichtung noch nicht , denn man beobachtete z. B. am Kap VVrath , der nordwestlichsten Spitze des Schottischen Festlandes, Sula alba , sechs bis acht Tage westwärts vorbeiziehend , und schätzte die Zahl derselben auf zwei- bis dreitausend. Dieser Flug

32 Der Zug der Vögel.

musste nun aber nothwendiger Weise an den nördlichen Hebriden enden. (Migration Reports.)

Waldschnepfen trafen gleichfalls zahlreich an der Schottischen Ostküste ein ; zerstreuter wurden sie an östlichen Punkten der ganzen Orkneygruppen gesehen, und von den Shetlandsinseln be- richtet Saxby {Birds of Shctland), dass auch dort des öfteren Wald- schnepfen im Laufe des Herbstes eintreffen. Da diese Art nur noch vereinzelt über das mittlere Schweden hinaus brütet, so können alle die Genannten doch einzig und allein auf westlichem Fluge nach Schottland und seinen nördlichen Inselgruppen gelangt sein, dass von dort aus diese westliche Zugbahn nothgedrungen in eine südliche übergehen muss, lehrt ein Blick auf die Karte des Landes.

Das nördlichste Beispiel eines von Ost nach West gerichteten Herbstzuges liefern Beobachtungen des leider so früh geschiedenen John Wolley (durch Professor A. Newton mir brieflich mitgetheilt), denen zufolge er sich schon im ersten Jahre seines Aufenthaltes zu Muonioniska in Lappland, 68^ N., von einem solchen Zuge über- zeugte. Es war der Goldammer, Emberiza citrinella , der durch sein zahlreiches Eintreffen am Schluss des Sommers zuerst ihn diese Bewegung erkennen Hess. Die an dem genannten Orte während der Herbstwanderung in so grosser Zahl zuziehenden Vögel konnten eben aus keiner anderen Richtung her anlangen, als aus einer östlichen. Der bis dahin westliche Zug auch dieser Ammern muss sodann eine südliche Wendung nehmen, da die- selben auf den Shetlandinseln nur sehr vereinzelt angetroffen werden (Saxby). Sie ziehen südwärts bis in das untere Schweden, woselbst sie sich dann wieder dem Westfluge weiter südlich heimischer Artgenossen anschliessen und so theilweise nach Eng- land gelangen, in dessen östlichen Provinzen sich die Zahl der- selben regelmässig mit dem Herannahen des Winters steigert.

Aehnlich verhält es sich mit den Berglerchen, die im Herbst im östlichen Finnmarken von Osten her eintreffen und dort in Folge dessen Russische Schneeammern genannt werden ; CoUett sagt (siehe Dresser, IV, Alauda alpcstris), dass dieselben östlich von Norwegen ziehen , also Schweden hinunter , und dass sie im unteren Norwegen äusserst selten gesehen werden. Im südlichen Schweden vereinigen sie sich dann mit den von Asien kommenden, und es entstehen so die zahllosen Schaaren, welche während der letzten Jahrzehnte hier auf Helgoland gesehen worden sind. Ueber die weiteren Zugbewegungen dieser Art siehe die spätere Behand- lung derselben !

Richtung des Wanderflugs. 33

Schliesslich mögen noch die Bergfinken , Fringilla viontifrin- gilla, angeführt werden, deren westlichste Nistplätze in der nörd- lichen Hälfte Skandinaviens liegen, wo sie in grosser Zahl brüten und im Herbst hinunter in die südlichen Theile des Landes ziehen; dieselben müssen dort sich westwärts wenden und die Nordsee überfliegen, denn sie treffen an der Schottischen Ostküste massen- haft ein (Migration Reports). Sie kommen dagegen auf den Orkney und Shetlandinseln nur in geringerer Zahl vor, und dies beweist, dass ihr Zug nicht etwa von den Niststätten aus sofort in südwestlicher Richtung erfolge , indem in solchem Falle der Hauptzug auf diesen Inseln eintreffen müsste. Im Innern des Landes und an der Westküste desselben sammeln sich diese Vögel in ungeheuren Massen an , um von dort ihre Reise südlich fort- zusetzen ; sie überwintern zahlreich in Spanien und gehen in Aus- nahme-Fällen sogar über die Strasse von Gibraltar (Irby).

Das westliche Schottland und seine Küsten bieten während der Herbstmonate den Anblick zahlloser Schaaren grösserer und kleinerer Landvögel dar , sowie von Enten , Gänsen , Schwänen und anderen Wasservögeln, die alle auf südlichem und süd-süd- östlichem Wege ihren Winterquartieren zueilen. Diese Schaaren bestehen theilweise aus Vögeln, die gleich den Bergfinken, an der Ostküste des Landes eingetroffen sind und dasselbe in westlicher Richtung überflogen haben , theilweise aus solchen , die dem Schottischen Festlande angehören und aus solchen, deren Heimath die Hebriden und inneren Schottischen Inseln sind. Der Herbst- zug aller dieser bewegt sich hier nothwendiger Weise in südlicher Richtung.

Hiermit wären diese Wanderer auf ihrem Fluge vom öst- lichen Asien bis zu den westlichen, vom Weltmeer bespülten Ge- staden Europas geleitet. Die nachgewiesene Uebereinstimmung in der Richtung des Wanderfluges der verschiedensten Arten auf so weit getrennten Gebieten, wie das mittlere Deutschland, Helgo- land, die Britische Ostküste einschliesslich der Orkney- und Shet- ländischen Inselgruppen, bis hinauf zu 70" N. in Finmaiken, deren Breitenausdehnung eine Zugfront von zweihundert und vierzig deutschen Meilen crgiebt, dürfte wohl zur Genüge die dargelegte Ansicht bestätigen, dass eine grosse, wenn nicht die grösste Zahl unserer herbstlichen Wanderer die längste im Vogelzuge über- haupt vorkommende Wegstrecke in einer von Ost nach West liegenden Richtung zurücklege, dass aber manche zeitweilig, die meisten jedoch am Schlüsse ihres Westfluges sich südlich wenden

Gaikc, V'ugcl» aru-, z. Aull. \

34 Der Zug der Vögel.

vollständig unbeeinfluset von der Physiognomie der Oberfläche des ungeheuren Kontinentes, welchen sie überfliegen.

In dieser langen Zugwoge folgt nun aber nicht etwa jede der hundertfältigen Arten , aus welchen dieselbe zusammengesetzt ist, einer eigenen, mehr oder weniger eng begrenzten Zugstrasse, sondern fast alle brechen von ihrem Brutgebiet in westlicher Richtung auf und verfolgen, unter dem Breitegrade ihrer Niststätte, ihren Weg bis an das Endziel, manche zeitweilig, andere erst vor dem Abschluss der Wanderung eine südliche Richtung einschlagend.

Natürlich mag es ja vorkommen , dass irgend ein Bruchtheil des breiten Zuges in der Richtung eines tief unter demselben liegenden Meeresgestades dahin gegangen und fort und fort dahin- geht, aber wahrlich doch nur, weil geologische Bedingungen die Uferlinie gleichlaufend der Zugbewegung,— Ost -West oder Nord- Süd, geformt haben, sicherlich aber nicht in Folge irgend welcher Absicht seitens der Wanderer. Man unterziehe doch nochmals die Reiseroute des Richard -Piepers und der anderen vielen ost- asiatischen Arten , welche Helgoland jeden Herbst so zahlreich besuchen, einer näheren Prüfung. Die ungeheure Wegstrecke von jenseits des Baikal -Sees bis zur östlichen Spitze Preussens legen all diese Vögel ohne irgend welche der angeblichen Merkzeichen oder Wegweiser zurück : an der Ostsee angekommen , sollten sie nun plötzlich sich nicht anders zu helfen wissen, als dass sie der vergleichsweise kleinen Spanne Ostsecküste bis Holstein folgten ! Und welcher Leitfaden ist ihnen dann weiter geboten, wenn sie nach Ueberfliegung Holsteins die Nordsee vor sich haben und bald jede Küste aus Sicht verlieren .-

Beobachter, welche derartige Wanderer über dem Meeres- strande in der Richtung der Küstenlinie fliegen sahen, fassten die einander folgenden Vogelschaarcn als einen lang gestreckten Heer- zug auf, und dachten nicht daran, dass sie sich möglicherweise in der Mitte einer breiten , meilenweit see- und landwärts sich erstreckenden Zugfront befinden könnten , und doch war dies ganz unzweifelhaft der Fall. Eine Bestätigung hierfür liefern die ofterwähnten , allherbstlich Helgoland in endlosen Zügen auf ost- westlichem Wege passirenden Krähen, deren Zugfront ein paar Meilen nördlich von der Insel bei dort liegenden Fischerbooten noch nicht endete, und die zur selben Zeit von dem, von hier nach der Weser gehenden Dampfboote aus bis zu der sechs Meilen südlich entlegenen Küste überall gleich zahlreich westwärts dahin- ziehend gesehen wurden. Wenn an solchen Tagen obige Beob-

Richtung des Wanderflugs. 35

achter sich auf den Inseln jener Küste: Wangeroog, Norderney bis Borkum hinaus befunden hätten, so würden sie zweifellos das Gesehene als einen schlagenden Beweis für ihre Hypothese: dass wandernde Vögel die Küstenlinien als vorgezeichnete Heerstrassen benutzen, geltend gemacht haben, nicht ahnend, dass sie sich in einer Zugfront befanden, die sich von ihrem Standpunkte aus, in nördlicher Richtung, wenigstens acht bis zehn Meilen in See hin- aus erstreckte und landeinwärts sicherlich noch meilenweit reichte.

Noch ein weiteres Beispiel des in breiter Zugfront westwärts gerichteten Herbstzuges, möge hier folgen. Es lieferte dies das gelb- köpfige Goldhähnchen, Rcgulus flavicapiUus, während des Oktobers 1882. Helgoland passirte dasselbe während der ganzen Zugzeit in ausserordentlich grossen , in manchen Fällen sich bis zum Un- begreiflichen steigernden Massen, und Beobachtungen, welche gleich- zeitig auf allen Leuchtthürmen und Leuchtschiffen, sowie an Land- stationen der ganzen Englischen und Schottischen Ostküste gemacht wurden, ergaben, dass unter anderen Tagen, z. B. am 7., 8. und 9. des gedachten Monats, an allen diesen Pmikten, von der Insel Guernscy aufwärts bis Brcssay in der Mitte der Shetlandgruppe, dies kleine Vt')gelchen in zahllosen Massen westwärts wanderte, also in einer nachgewiesenen Zugfront von nahezu elf Breite- graden oder ungefähr hundert und sechzig deutschen Meilen. Da nun aber die Breite von Guernsey,49\2" N., noch nicht die unterste Grenze des Brutgebietets dieses Goldhähnchens bildet, so hat sich di(>se, an und für sich schon so ungeheure Zugfront, zweifellos noch weiter südlicii erstreckt.

Nach dem Englischen Migration Report für 1S82 ging dieser staunenerregende Massenzug über ganz England und über den St. Georg -Kanal dahin bis in Irland hinein; da aber all diese Millionen Thierchen schwerlich in letzterem Lande überwinterten, so müssen dieselben sich von da aus südlich gewandt haben, um nach einem al)ermaligen Fluge über das Meer von gleicher Ausdehnung wie der vom untern Schweden bis zur Englischen Ostküste nach Spanien zu gelangen; und dies während langer,

schwarzdüsterer Oktober-Nächte und in einer gleichmässig dunkel- bewölkten Atmosphäre, wie sie wenigstens hier für alle solche Massenzüge Bedingung ist.

Wenn aber dennoch, abweichend von den in Obigem nach- gewiesenen breiten Zugbewegungen, in südlicheren Breiten, nament- lich während des Herbstzuges, manche Arten in grosser Zahl an Stri)men oder in deren Nähe angetroffen werden, so findet dies

36 Der Zug der Vögel.

eine einfache Erklärung darin, dass die der Regel nach an solchen Oertlichkeiten mannigfaltigere Vegetation eine grössere Samenfülle und reicheres Insektenleben aufweist und somit der Mehrzahl der Wanderer willkommene Futterplätze darbietet.

Alle entweder nordwärts oder südwärts abfliesscnden Ströme von der Lena bis zum Ebro werden , dem grösseren Theil ihres Laufes nach , von den zahllosen Schaaren der in ausgedehnterer oder geringerer Front westwärts ziehenden Vögel überflogen. Diese Knotenpunkte werden erklärlicher Weise von solchen Ab- theilungen des Zuges, welche etwa der Ruhe bedürfen, der Nah- rung oder des Wassers halber als Rastplätze benutzt, und folglich müssen die Vögel längs solcher Stromgebiete zahlreich, ja oft massenhaft angetroffen werden ; während abseits auf dürrer Haide oder meilenweiten abgeernteten Ackerflächen ihr Vorkommen, mit Ausnahme von Lerchen und dergleichen , nur ein höchst be- schränktes sein kann. Es lag demnach bei einer oberflächlichen Beobachtung dieser Erscheinung die Auffassung, dass die an dem Laufe von Flüssen oder Strömen angetroffenen Wanderer der Richtung derselben wohl nachzögen, allerdings viel näher, als die- jenige , dass sie auf einer dieselbe kreuzenden Strasse zu ihnen gelangt seien. Dass jedoch Massen von Vögeln, namentlich solche, deren Herbstzug überhaupt von Nord nach Süd gerichtet ist, wenn sie in mittleren Breiten nicht mehr zu unverzüglicher Weiterreise gedrängt , nahrungsuchend zeitweilig der Richtung eines Strom- gebietes, oder, was meist gleichbedeutend, einer Thalsenkung folgen, ist sehr natürlich, berührt aber die Hauptfrage in keiner Weise.

Man hat für die Flussstrassentheorie z. B. oft die grosse Masse der Wanderer angeführt, welche während des Herbstzuges im Rhonegebiete angetroffen werden sollen ; dass eine derartige Erscheinung nun aber nicht allein sehr wohl stattfinden könne, sondern thatsächlich auch stattfinden müsse , jedoch auf andere Ursachen zurückzuführen sei, ist in dem Ebengesagten schon dar- gelegt worden. Der Lauf der Rhone, von ihrem Zusammenflusse mit der Saone an, ist ohne nennenswerthe Unterbrechung ein fast genau südlich gerichteter, er liegt also in der Bahn, welche die von Norwegen, Holland und Belgien kommenden südwärts ziehen- den Wanderer jedenfalls über diesen Theil Frankreichs verfolgen würden, auch wenn die Rhone nicht unter diesem Abschnitt ihrer Zugfront dahinflösse ; da dieselbe aber mit ihren Niederungen vor- handen ist, so benutzen die Vögel dieselbe als gelegene Futter- und Ruheplätze, und solche Arten, die in diesen tieferen Breiten

Richtung des Wanderflugs. 37

nicht mehr grosse Eile haben, folgen auch während längerer oder kürzerer Rastpausen auf ihren täglichen Nahrungsflügen dem Laufe derselben. Aber ebenso werden auch die von England kommen- den, südlich ziehenden Wanderer die Ufer der Loire als Rast- und Futterplätze benutzen, trotzdem der Lauf dieses Flusses vom mittleren Frankreich an ein von Ost nach West gerichteter ist und der Flug dieser Vogelschaaren ihn rechtwinklig kreuzt ; träfe man hier dem Laufe des Flusses folgende Individuen an, so können sie nur Arten angehören, die überhaupt westwärts ziehen und diese Flugrichtung bis zur Westküste Frankreichs innehalten.

Dass die Wanderer, wenn sie schon tiefer südlich gelangt, ihre Eile zu unterbrechen geneigt sind , um gemächlich der Nah- rung nachzugehen, bestätigt eine Angabe Naumann's (Band I, Einleitung) , die sich auf Witterungseinflüsse bezieht und welche lautet: »der Vogelsteller bemerkt dies das Herannahen schlech- ten Wetters sehr oft an dem Zuge der kleineren Waldvögel, der dann, gegen ihre Gewohnheit, nicht dem Gebüsche nach, sondern unaufhaltsam über das freie Feld , gerade gegen Westen

gerichtet ist, sie eilen nur vorwärts, ohne sich so viel

Zeit zu nehmen, als dazu erforderlich ist, sich satt zu fressen.«

Der grosse Meister stellt hier aber das in den Vordergrund, was für die kleineren Waldvögel in seiner Heimath, dem mittleren Deutschland , offenbar nicht mehr die drängende Zugbewegung, sondern die so weit südlich schon vorherrschende Nebenerscheinung ist während es doch unzweifelhaft ist, dass in dem, was als Ausnahme angeführt wird, nämlich in dem »unauflialtsam gerade gegen Westen gerichteten Fluge« thatsächlich der rastlos vorwärts strebende herbstliche Wandergang deutlich gekennzeichnet ist, der ja oft während fallendem oder tiefem Barometerstande besonders schlagend zum Ausdruck gelangt.

Die nächste grosse herbstliche Wanderbewegung, welche sich der ebenbesprochenen ost- westlichen, der Individuenzahl und der Länge der Wegstrecke nach nicht nur ebenbürtig anreiht, sondern dieselbe in letzterer Hinsicht in manchen Fällen noch bedeutend übertrifft, ist der schon Anfangs dieses Abschnittes erwähnte, zwischen Nord und Süd verlaufende Zug einer sehr grossen Zahl von namentlich hochnordischen Arten. Wie ebenfalls schon an- gedeutet, ist die Kenntniss dieser letzteren Zugrichtung aber nicht auf unmittelbare Sinneswahrnehnuingen gestützt, wenigstens nicht so weit Helgoland in Betracht kommt , sondern es ergiebt sich dieselbe aus dem Vergleiche der /.eitweiligen Aufcnthaltspunkte

38 Der Zug der Vögel.

dieser Arten mit solchen Orten , an welchen sie während ihres Zuges angetroffen werden, oder nicht vorkommen.

Belege für Zugrichtungen dieser Art liefern manche Sänger, von denen besonders das nordische Blaukehlchen, Sylvia suecica, genannt werden möge ; es brütet im hohen Norden der Alten Welt, von Kamtschatka bis in das obere und mittlere Norwegen, über- wintert in ganz Südasien und der östlichen Hälfte des oberen Afrika. Auf Helgoland ist es allherbstlich eine ganz gewöhnliche Erscheinung, ebenso in Deutschland und Italien ; in England ist es dagegen aber nur in Zwischenräumen von vielen Jahren ganz vereinzelt angetroffen worden und in Frankreich und Spanien niemals vorgekommen (Dresser). Hieraus ergiebt sich auf das Bestimmteste, dass dies Vögelchen im Herbst in der Längen- ausdehnung seines Nistgebietes in fest einhaltender Richtung süd- lich wandert, und dass Helgoland die westlichste Grenze dieser ungeheuren Zugfront bildet ; eine geringe westliche Abweichung der im westlichen Norwegen brütenden Individuen von ihrer süd- lichen Zugrichtung müsste dieselben zahlreich an die Englische Ostküste führen. Neben diesen Blaukehlchen möge der roth- kehlige Pieper, AntJius cervinus^ angeführt werden; derselbe brütet ebenfalls vom ganzen nördlichen Asien an bis in das obere Nor- wegen. Diese Art muss ihren südlich gerichteten Herbstzug auf das Bestimmteste einhalten, denn sie berührt Helgoland nur in seltenen Ausnahmefällen und ist während fünfzig Jahren etwa sechsmal erlegt worden. Auch von dem Nordischen Laubvogel, Sylvia borcalis , welcher von Alaska an durch das hochnordische Asien bis Finnmarken heimisch ist und im Winter bis zu den Sunda-Inseln hinunter geht, können die von Collett während der Sommermonate am Porsanger Fjord noch über 70" N. hinaus beobachteten Individuen nur geraden Weges südlich ziehen, denn hier auf Helgoland ist dieser Vogel nur einmal, im Oktober 1854, erlegt und in Deutschland nie beobachtet worden. Diesem Sänger möge noch der Sprosser, Sylvia philomela, angereiht werden, dessen westlichste Nistplätzc im südlichen Schweden und Dänemark liegen, der aber, wenn er nur irgend dazu neigte, von seinem südlich gerichteten Herbstzuge westlich abzuweichen, Helgoland allherbst- lich, wenn auch nicht zahlreich, berühren müsste; dementgegen ist aber nur ein Beispiel seines Vorkommens bekannt, welches noch dazu einen Vogel betrifft, der in der Nacht \ om 4. zum 5. Mai 1895 beim Leuchtfeuer gefangen ward, mithin nicht einmal für die gegenwärtige Frage von Werth ist.

Richtung des Wanderflugs. 39

Das demnächst in Frage kommende Gebiet umfasst Finnland und das weitere nördliche europäische Russland ; hier liegen die westlichsten Nistplätze von Sylvia tristis, Motacilla citreola, Em- beriza aiireola, Liinosa cinerea, und bis Archangel hinauf zahlreich noch von Falco rufipes. Alle diese Arten liefern durch ihr sehr seltenes Erscheinen oder gänzliches Fehlen auf Helgoland den Nachweis, dass ihr Herbstzug ein streng südlich gehaltener sein muss, da eine westliche Abweichung von demselben sie ebenso zahlreich hierher führen müsste, wie dies mit anderen ebendaselbst heimischen Arten der Fall ist. Sylvia tristis ist hier nur einmal gefangen und noch zweimal gesehen worden; von Motacilla citreola habe ich während fünfzig Jahren nur fünf junge Herbstvögel er- halten ; von liuiberiza anreola zwei junge Herbstvögel und ein Weibchen im Frühjahr. Limosa cinerea ist auf Helgoland niemals gesehen, in Deutschland und dem oberen Frankreich, wie es scheint, nur je einmal erlegt, imd sonst nirgendwo westlich von ihren Brutstätten *) angetroffen worden. Falco rufipes ist zwar fünfmal auf Helgoland geschossen worden, aber stets im Sommer und unter Umständen, die annehmen Hessen, dass diese Stücke zu den aus Griechenland und Kleinasien während der ersten Sommer- monate hierher gelangenden verwittweten Brutvögeln zu zählen waren, eine Erscheinung, welcher eingehender gedacht werden wird im Abschnitt über die ausnahmsweiscn Erscheinungen.

Es ist diese Behandlung des südlich gerichteten Herbstzuges nicht wohl zu verlas.sen, ohne der grössten, wahrhaft wunderbaren Wegstrecke zu gedenken, welche einige Arten während desselben zurücklegen. Unübertroffen sind hier die beiden Strandläuferarten Triuga suharqnata und islandica. Die Eier beider Arten kennt man bisher nicht (.-j, von letzterer hat Capitän Fieldcn Vögel im Daunenkleide von Grinnell-Land, 82" N., heimgebracht**'), die Nist- plätze von snharquata sind aber noch nicht erreicht worden und können sich nur auf dem im Polarbecken liegenden Insel- oder Landgebiet befinden***); siehe hierüber bei Behandlung dieser Arten.

*) Nach Arcvalo y Baca (Avcs de Espaiia, p. 340) i.st sie einmal in Malaya erlcj^t. Hl.

**) In der Eiensammluni^ von A. Xclirkorn (CataIo<^ denselben, S. 216, No. 3048) ist das Ei an^e^el)en. Dassellie stammt aus der Benzon'schen Sammlun«;. Hl.

***) Dies ist nicht richtig! II. L. i'olham (^siehe Ibis, 1898, vS. 142 und 4891 hat im Juli 1897 auf einer Insel im Jenisei zwischen Golchica und Kuzkin (Sibiriakoff) das Nest von Tringa subarqtiata mit 4 Eiern gefunden und das

40 Der Zug der Vögel.

Im Winter hat man nun aber diese beiden Strandläufer auf Neu- seeland angetroffen, die somit einen Südflug von nahezu dem halben Erdumfange zurückgelegt hatten.

Neben dem besprochenen, einestheils westlich, anderntheils südlich gerichteten Herbstzuge bietet sich nun noch die über- raschende Erscheinung dar, dass von manchen Arten, deren nor- maler Herbstzug der letzteren Richtung angehört, eine mehr oder weniger bedeutende Individuenzahl sich von der Niststätte west- lich wendet und statt in das südliche Asien, in das westliche Europa wandert. Es ist diese Neigung keineswegs solchen Arten eigen, deren Brutgebiet sich bis in das westliche Asien oder nord- östliche Europa erstreckt, wie Sylvia tristis, Emberiza aureola und Limosa cinerea beweisen, sondern den Erfahrungen nach viel mehr solchen, deren Heimath am weitesten vcJiT Europa entfernt ist, z. B. Sylvia snperciliosa, die jenseit des Jenisei, und namentlich Anthiis RicJiardi, der nur jenseit des Baikal-See brütet. Dass eine solche Neigung sich nur auf einige Arten erstreckt, während sie anderen derselben Gattung nicht beiwohnt, davon liefern unter anderm die beiden im nordöstlichen europäischen Russland fast noch Nest neben Nest brütenden Ammern, Emberiza aureola und pusilla einen sehr ausgesprochenen Beweis. Ersterer ist während mehr als fünfzig Jahren hier nur dreimal gesehen und, mit Aus- nahme eines bei Genua vorgekommenen Stückes, nie im mittleren oder westlichen Europa beobachtet worden , wohingegen pusilla jeden Herbst auf Helgoland erscheint und oft geschossen wird. Sie ist gewiss schon zwanzig- bis dreissigmal durch meine Hände gegangen. In Holland ist dieselbe des öfteren während des Herbst- zuges gefangen, und von England ist ein solches Beispiel bekannt; so auch sind in Oesterreich und Oberitalien einige derselben vor- gekommen ; im südlichen Frankreich aber, wo der Endpunkt *) des Herbstzuges der westlich wandernden Stücke dieses Ammers zu liegen scheint, soll er »der gewöhnlichste der seltenen Ammern« sein und bei Marseille in kleinen Gesellschaften überwintern (Newton. Yarrell. Brit. Birds). Da nun beide Arten noch gleich zahlreich

Weibchen beim Neste erlegt. In der Eiersammlung von A. Nehrkorn (Catalog derselben, S. 217, No. 3061) ist das Ei ebenfalls angegeben, es stammt aus der Baldamus'schen Sammlung und ist 14. Mai 1868 von Kjarböling gesammelt. Bl. *) Einzelne scheinen noch weiter zu ziehen, so erwähnt Arevalo y Baca in seinen Aves de Espana, S. 228, dass er einige Male in Spanien vorge- kommen ist und ein bei Malaga im Winter 1874 erlegtes Exemplar im dortigen Institut aufbewahrt wird. Bl.

Richtung des Wanderflugs. 41

in der Nähe von Archangel brüten und beide zu den im Herbst südlich ziehenden gehören, so steht man vor der Frage : was mög- licherweise die Veranlassung sein könnte, dass eine derselben, aiireola^ sich kaum jemals von der gemeinsamen Niststätte aus westlich wendet, während die andere, pusilla, dies alljährlich in so grosser Zahl thut.

Unzweifelhaft haben viele Vogelarten die Neigung, neben ihrem normalen südlichen Zuge in geringerer oder grösserer Zahl west- wärts zu wandern, was von manchen anderen gar nicht zu ge- schehen scheint, nur bieten die gewöhnlicheren, weitverbreiteten Arten nicht dieselbe günstige Gelegenheit zur Beobachtung der Erscheinung, wie die obigen, oft angeführten, welche sich entweder durch ihr auffallenderes Kleid, oder ein strenger abgegrenztes Brut- gebiet besser hierzu eignen. Dass viele der ostasiatischen Arten aber einer solchen Neigung unterworfen sind, beweist die grosse Zahl allein auf Helgoland erlegter oder beobachteter, schon an- geführter Beispiele, zu denen noch genannt werden mögen: Lanius phoenictiroides ; Turdus van'us, riificollis, atrigularis und pallcns ; Sylvia nitida, viridana, coronata, regiiloidcs, fuscata, salicaria, pallida, agricola und ccrtJiiola; Alauda tatarica und sibirica; Emberiza rustica und pithyornis ; Charadrius fusciis und asiaticus sowie manche andere, weniger hervorragende Namen der Vogelwelt.

Wenn von den Genannten die Mehrzahl auch nur einmal auf Helgoland erlegt worden, so sind andere derselben, wie Sy. viridana dreimal, Emb. rustica mehr als zehnmal, und Turd. varius bis fünfzehnmal vorgekommen ; eine so lange Reihe hervorragender Namen lässt nun aber nicht allein mit Sicherheit darauf schliessen, dass neben denselben noch viele andere die Insel besucht, der Beobachtung aber entgangen sind, sondern die grosse Zahl der auf einem so kleinen Räume Vorgekommenen beweist auch, dass derartige Erscheinungen allherbstlich noch viel häufiger in das nahe Deutschland, sowie in das mittlere und westliche Europa gelangen müssen.

Wendet man sich nunmehr dem Frühlingszuge zu, so zeigt derselbe in allen seinen Erscheinungen sofort einen, von dem Vorhergehenden auffallend abweichenden Charakter. Jetzt sieht man nirgends einen Versuch, den langen Wanderllug in kurze be- (jueiiK- Wegstrecken zu theilen, wie dies im Herbst nach dem ersten grossen Vorstoss ja sehr bald geschieht ; jetzt ist auch nirgends eine Neigung für längere Rast bemerklich. Unruhe und drängende Hast sind die überall hervortretenden Kennzeichen seines ganzen

42 Der Zug der Vögel.

Verlaufes. Von den vor Anbruch des Tages und in erster Morgen- frühe angelangten Wanderern ziehen viele schon nach wenigen Stunden weiter, die grösste Zahl derselben hat um zehn Uhr Vor- mittags die Insel bereits wieder verlassen, und bald nach Mittag sind fast alle verschwunden. Es treffen aber, wenn das Wetter verspricht günstig zu bleiben, im Laufe des Tages noch manche wieder ein, Schaaren von Seglern eilen während des Tages über- hin, Krähen ziehen jetzt bis zum Sonnenuntergänge, und während der späteren Nachmittagsstunden ruhiger sonniger Tage sieht man, tausende von Fuss hoch, in der klaren Atmosphäre Brach- vögel und ähnliche Arten, von West nach Ost in reissend schnellem Fluge über Helgoland dahinziehen kaum vernehmbar schallt wohl ihr klarer Ruf aus ferner Höhe herunter, aber keiner der Wanderer zögert in seinem Zuge oder macht Miene einen Moment zu verweilen.

Bei schönem, günstigem Wetter unterliegt somit während dieser Zeit der Zug fast gar keiner Unterbrechung, denn hat man unter obigen Umständen gegen Abend noch manche Arten hoch über- hin ziehen sehen, so beginnt etwas später, wenn die Ruhe der Dämmerung eingetreten ist, der Aufbruch von solchen Singdrosseln, Rothkehlchen, Braunellen, Goldhähnchen und anderen, die hier wenige oder mehrere Stunden verweilt und sich anscheinend schon zur Nachtruhe in das Gesträuch der Gärten begeben hatten. Plötz- lich erschallt aber durch die Abendstille der Lockruf eines auf- steigenden Vogels, seine Artgenossen antworten und folgen ihm, nach bedeutender Erhebung sammelt sich die Schaar, und bald sind alle, ostwärts dahinziehend, den Blicken entschwunden. Weg- züge dieser Art finden innerhalb einer Stunde nach Sonnenunter- gang statt, dann tritt anscheinend eine Pause von kurzer Dauer ein, bald nach Mitternacht aber beginnt der Zug durch zahllos eintreffende Wanderer aufs Neue, mit dem Grauen des nahenden Tages von Stunde zu Stunde sich steigernd.

In allen Erscheinungen des Frühlingszuges ist klar das Motiv ausgesprochen : für einen bestimmten Zweck ein fest vorgestecktes Ziel in einer streng einzuhaltenden Zeit zu erreichen. Von diesem Bestreben wird denn auch ganz besonders die Zugrichtung beein- flusst, die, um in kürzester Zeit vom Winterquartier zu den, meist unter bedeutend höheren Breiten belegenen, Nistplätzen zu führen, eine gerade auf das Ziel gerichtete, also der grösseren Zahl der Fälle nach eine mehr oder weniger nördliche sein muss. Die im Herbst südlich wandernden Arten folgen an und für sich schon im

Richtung des Waxderflugs.

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Frühjahr dieser nördHchen Richtung; aber auch solche, deren west- licher Herbstzug sich schliesslich in England, Frankreich oder Spanien südlich wandte, gelangten auf diese Weise ebenfalls in bedeutend tiefere Breiten als die, unter welchen ihre Brutstätten liegen, sie lassen in Folge dessen bei ihrem gerade auf die fleimath gerichteten Rückwege nunmehr solche Punkte, die ihr Herbstzug berührte, weitab nördlich zur Seite liegen ziehen also auf der Hypotenuse des Winkels, den ihr Herbstzug beschrieb, der Heimath

2ih\-J Afrika.

Bildliclic Darstellung der Zu<,'richtung,

wieder zu. Hieraus erklärt sich denn auch die anfangs so auf- fällige Erscheinung, dass alle solche östlichen Arten, welche der Herbst in grosser Zahl hierher führt, die aber später sich südlich wenden, während des F'rühlingszuges fast gar nicht wieder gesehen werden. Nicht allein hat dies Bezug auf die mancherlei selteneren Erscheinungen aus dem fernen östlichen Asien; sondern auch Vö<fel, welche, gleich dem Richard -Pieper, im Herbst hier zu den ge- w()hnlichen zählen, erblickt man im Frühjahr kaum in vereinzelten Stücken wieder dies sind unzweifelhaft solche, die im südlichen l^ngland oder Irland gewintert haben. Auch der kleine Laubvogel. Sylvia siipcrciliosa, welchei' während des 1 lerbstzuges bei günstigem W^etter fast täglich gesehen wird, ist im Laufe einer langen Reihe von Jahren nur zweimal im l-'rühling(> wieder bemerkt worden; der Zwerganuuer, limhcriza pusilla. niemals. Sogar von tMuer so gemeinen Art, wie die graue Krähe, die im Herbst in solchen Massen über Helgoland hin l'lngland zuwandert, dass dort nicht alle Platz und Nahrung zu linden \ermögen und ein grosser Theil über den Kanal in das ncMdliche Frankreich zieht, auch von diesen kehrt im l'rühjahr kaum die Hälfte über Helgoland zurück, weil

44 Der Zug der Vögel.

eben jene , die von England nach Frankreich hinübergingen , auf ihrem östlichen Rückwege zur Heimath über Holland und das nörd- liche Deutschland hinwandern , Helgoland und die Nordsee also nur von solchen wieder überflogen wird, die für den Winter in England verblieben.

Die Flugrichtung der letzteren dieser heimkehrenden Krähen ist naturgemäss eine westöstliche; aber eine ebenso überraschende, wie kaum erklärliche Erscheinung bleibt es daneben, dass, wie im Herbst, so auch jetzt im Frühjahr, der Zug aller Wanderschaaren, die man am Tage sieht oder während der Nächte hört, sich aus- nahmslos zwischen diesen beiden Punkten bewegt wenigstens auf Helgoland und dem umgebenden Meere sieht man im Frühjahr nie einen ziehenden Vogel , dessen Flug von Süd nach Nord ge- richtet wäre ; dennoch aber müssen deren-so viele sein, wie z. B. die schon angeführten Blaukehlchen , Laubvögel , Schafstelzen, Wiesenschmätzer und viele andere , von denen die ersten mit der Morgendämmerung eintreffen und deren Zahl sich mit der auf- steigenden Sonne oft bis zum Unglaublichen vermehrt, aber im Laufe weniger Stunden schon wieder vermindert, ohne dass man wahrzunehmen vermöchte, wie und woher sie eingetroffen, oder auf welche Weise und in welcher Richtung sie davon ziehen.

Solche Arten, deren Wanderungen zwischen Nord und Süd ver- laufen, weisen denn auch keine so grosse Verschiedenheit in der Individuenzahl der Abreisenden und der Rückkehrenden auf, als solche , die im Herbst von Ost nach West gezogen sind und schliesslich sich südlich gewandt haben. Unter ersteren das obige Blaukehlchen, Rothkehlchen , die kleinen Laubvögel, trochilns und rufa, Rothschwänzchen, Steinschmätzer, Wiesenschmätzer und andere diese alle bringt der Frühling ebenso zahlreich zurück, wie sie der Herbst entführte , und kaum sollte man glauben , dass doch nothwendiger Weise die Fährlichkeiten der langen Winterabwesen- heit so manchen aus ihren Schaaren weggerafft haben müssen, da z. B. am 26. Mai 1880 alle Gärten der Insel in solchem Grade von nordischen Blaukehlchen wimmelten, dass meine Vogelfänger und ich, für die nächstgelegenen derselben, ihre Zahl auf weit über fünfhundert anschlugen; Steinschmätzer waren in solchen Massen da, dass Aeuckens dieselben auf »Milliarden« schätzte, in meinem Journal sind dieselben auf »viele Tausende« beziffert. Beiläufig bemerkt wiesen beide Arten nur noch ganz vereinzelte männliche Vögel auf, was darauf hindeutete, dass deren Zugperiode sich ihrem Abschluss zuneigte.

Richtung des Wanderflugs. 45

Es ist im Laufe dieses Abschnittes gesagt , dass die Vögel ihre Reise vom Winterquartier zur Brutstätte mögHchst in einem ununterbrochenen Fkige zurücklegen. Beobachtungen , die man hier während des nächtlichen Vogelfanges beim Leuchtfeuer zu machen Gelegenheit hat , unterstützen diese Ansicht in hohem Grade. Es ist nämlich eine, jedem hiesigen Vogelfänger bekannte, Thatsache, dass im Frühjahr die Wanderer erst nach Mitternacht, etwa von ein bis zwei Uhr Morgens an, einzutreffen beginnen, dass ferner ihre Zahl sich nicht allein mit dem herannahenden Tage steigert, sondern ihr Ankommen sich noch lange Zeit nach Sonnen- aufgang fortsetzt, ja dass Schnepfen und Schwarzdrosseln zahlreich noch während des ganzen Vormittags anlangen, namentlich, wenn es vor Tagesanbruch stark gereift hatte und die Vormittagsstunden von stillem warmen Sonnenschein begleitet sind.

In v(')lligem Gegensatze hierzu kommen die Vögel im Herbst schon gleich nach Eintritt der Dunkelheit, sieben bis acht Uhr Abends, hier an; ihre Zahl steigert sich nicht mit dem Vorrücken der Nacht, sondern verringert sich mit dem herannahenden Morgen, und der Zug, mit Ausnahme der später anlangenden nur am Tage ziehenden Krähen und Finkenarten , denen sich auch die Nacht und Tag ziehenden Staare noch während der Vormittagsstunden zugesellen, erlischt nach Sonnenaufgang gänzlich, so dass z. B. der Schnepfenfänger im Herbst, wenn der Fang in der Frühe nicht sehr ergiebig gewesen ist , seine Netze schon um sieben Uhr Morgens einzieht, sie unter gleichen Umständen im Frühjahr aber sicherlich bis Mittag und darüber hinaus mit Erfolg noch stehen lässt.

Da die Erfahrung nun lehrt , dass alle hier in Betracht kommenden nächtlichen Wanderer theilweise schon gegen Abend, theilwcise bald nach Sonnenuntergang zur Reise aufbrechen, so ist aus dem frühen, anfangs zahlreichen, nach und nach sich ver- mindernden Eintreffen während der Herbstnächte, nur der Schluss zu ziehen, dass diese V()gel nahen und wenig ferneren Stationen entstammen ; dass dahingegen aber jene im P^iihjahr um ein oder zwei Uhr in der Frühe Ankommenden und von da ab an Zahl sich steigernden Wanderer solche sein müssen , die von sehr fernen Länderstrichen aufgebrochen sind, die zuerst eintreffenden dieser Letzteren etwa aus dem südlichen Europa, die späteren aus dem nördlichen und mittleren Afrika; unter diesen beispielsweise wieder- um unser alter Freund, das nordische Blaukehlchcn, welches auch noch dadurch den Beweis für seine laiiLie Reise liefcMt, dass es nie

46 Der Zug der Vögel.

während der Nachtstunden beim Leuchtfeuer gesehen wird, sondern nach seinem wunderbaren, ununterbrochenen Fhige vom nördlichen Afrika her, immer erst gegen Sonnenaufgang hier auf Helgoland eintrifft.

Wie in diesem Abschnitt nachgewiesen ist, sind die Wege, auf welchen die Vögel zweimal im Jahre ihre besonderen Zwecke zu erreichen suchen, ebenso verschieden, wie diese Zwecke selbst von einander abweichen. Der Herbstzug führt die Wanderer in mannig- faltigen Richtungen ihren Winterquartieren zu ; diese erstrecken sich vom westlichen Afrika durch Indien zu den Philippinen, den Sunda- Inseln, bis Neu -Guinea hinüber; ja manche ostasiatische Arten gehen sogar bis Australien und Neu-Seeland hinunter. Mit dem Beginn des Frühlings strömen von dieser, den Umfang der halben Erde umfassenden, anfangs so ungeliearen Zugfront, tausende von Schaaren in drängender Hast auf gerader Strasse der dem Pole näher oder ferner liegenden Heimath wieder zu. Die Zahl der zwischen West imd Ost wandernden ist jetzt eine sehr ver- minderte, gleichviel aber, ob im Herbst die ost-westlich ziehenden in grösserer Zahl als die nord- südlich gehenden vertreten sind, oder ob im Frühjahr die vom Aequator dem Pole zustrebenden überwiegen , in beiden Fällen entrollt sich ein unfassbar gross- artiges Bild des Vogellebens in der Betrachtung dieser Myriaden rastloser Wanderer, wie sie während langer, finsterer Herbstnächte oder während des Frühlings durchlichteten Mitternachtsstunden, auf so vielen sich kreuzenden Pfaden fernen Winterquartieren oder heimischen Niststätten zuziehen, jede Art in höheren oder tieferen Regionen des Himmelsraumes sicherlich einer bestimmten Strasse folgend, nicht einer durch den ärmlichen Lauf eines Flusses oder Bergzuges vorgezeichneten , sondern einer von jeder physischen Gestaltung der Erdoberfläche unabhängigen , viele tausend Fuss hoch über dieselbe hin fest auf das Ziel berichteten Bahn.

III. Höhe des Wanderflugs.

IIE Höhe der Zugregion der verschiedenen Yogelarten ist eine weitere Seite des Wanderphänomens, welche die Aufmerksamkeit in besonderem Grade fesselt. Nach vieljährigen Beobachtungen bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, dass, so lange der Zug unter normalen Bedingungen verläuft, er bei der überwiegend grössten Zahl aller \\")gel in tuner Höhe von statten geht, die ihn vollständig jeder menschlichen Sinnes- wahrnehmung entzieht, und dass das , was vom wirklichen Zuge zur Anschauung kommt, zumeist nur die durch meteorologische Ein- wirkungen herbeigeführten Störungen und l'nregelmässigkeiten des- selben sind. Es dürfte nöthig sein , hier daran zu erinnern, dass imter dem wirklichen Zuge die grossen Bewegungen zu \erstehen sind, welche einestheiles im Herbst die Wanderer während eines ununterbrochenen, meist nächtlichen Fluges von ihren Brutstätten nahezu oder gänzlich bis in das Winterquartier führen; sowie andererseits die Frühlingsreise vom Winterquartier ziu- Niststätte, welche noch vorherrschender in einem solchen ununterbrochenen Fluge zurückgelegt wird.

Von diesen ganz verschieden sind die kurzen, wenn auch in der allgemeinen Zugrichtung liegenden , niedrigen Flüge , welche kleinere oder grössere Gesellschaften von Vögeln am Tage, bt;- sonders im I lerbst , von Feld zu Feld , von Gehölz zu Gehölz ausführen, während welcher sie längs des Weges Nahrung nehmen, und die mit dem schwindenden Tage enden. In dieser Weise reisende Gesellschaften dürften mehr oder weniger zusammen- gesetzter Natur sein und theilweise aus zeitweilig vom wirklichen Zuge rastenden, sowie aus diesem sich anschliessenden, den nächsten oder wenig fi-rneren Kreisen entstanunendi-n lndi\idutMi lu'.stehen,

48 Der Zug der Vögel.

welche alle durch Witterimgszustände zwar beeinflusst , dennoch dem inneren Wanderdrange nicht gänzlich zu widerstehen ver- mögen. Solche in der alltäglich unbeeilten Flugweise zurück- gelegte kurze Tagereisen haben aber nichts gemein mit dem grossen, gewaltigen, in ungekannten Höhen, mit reissender Schnelle, und vorherrschend während der dunklen Nachtstunden von statten gehenden Zuge, wie er hier vorliegt und auf Helgoland vor- herrschend zur Wahrnehmung kommt.

Beobachtungen über die äusserste Höhe des Vogelfluges, auf unmittelbare Anschauung gestützt, stehen allerdings nur in sehr beschränktem Maasse zu Gebote, aus demselben geht jedoch hervor, dass Vögel befähigt sind , ohne Beschwerde in Luftschichten von solcher Höhe und so geringer Dichtigkeit zu verweilen, wo weder der Mensch, noch zweifellos irgend ein anderes warmblütiges Ge- schöpf auszudauern vermöchte. Die Vögel müssen also noth- wendiger Weise derartig organisirt sein , dass sie einestheiles un- beeinflusst bleiben von der so beträchtlichen Verminderung des Luftdruckes in einer Höhe von 25000 bis 35000 Fuss, und anderentheils auch müssen sie zu bestehen vermögen unter Auf- nahme einer so sehr verringerten Sauerstoffmenge , wie sie jene so wenig dichten Luftschichten darbieten. Oder aber ihr Respi- rationsapparat muss so beschaffen sein, dass er auch jenen sauer- stoffarmen Höhen das dem Blute nöthige Quantum mit derselben Leichtigkeit abzugewinnen im Stande ist, wie den der Erdober- fläche nächsten Schichten ; Organisationsverhältnisse , die den Vögeln einen vollständig isolirten Platz unter allen Warmblütern anweisen.

Wenn nun schon ein eigenartiger Respirationsmechanismus angenommen werden muss, der die Vögel befähigt, in Luftschichten zu verweilen, die weit über den Bereich alles sonstigen organischen Lebens hinausliegen, so ist es noch viel schwieriger von den Hülfsmitteln Rechenschaft abzulegen, welche denselben das Fliegen in Luftschichten von so erheblich verringerter Tragkraft möglich machen. Man könnte hier in erster Reihe daran denken , dass die Vögel befähigt sind, verhältnissmässig grosse Luftmassen auf- zunehmen und beliebige Zeit hindurch zurückzuhalten, und zwar nicht allein in ihrem theilweisc marklosen Knochengerüst, sondern namentlich und in bedeutend grösserem Umfange in Luftsäcken, welche sich sowohl in der Brust- und Bauchhöhle befinden, als auch zwischen der äusseren Haut und dem Körper liegen. Luft- säcke der zweiten Art liegen, soweit meine Beobachtungen reichen.

Höhe des Wanderflugs. 49

an allen nicht mit Spulfedern besetzten Körpertheilen , in be- sonders grosser Ausdehnung aber zu beiden Seiten der Halswurzel, unter den Flügeln und hinter den Schenkeln. Anatomisch ist nachgewiesen, dass alle diese Luftsäcke mit den Lungen der Vögel in Verbindung stehen und von ihnen ausgefüllt werden. Die Ver- muthung liegt nahe, dass die Ausrüstung mit diesen Luftsäcken es ist, welche den Vögeln das Fliegen in höheren Luftschichten so erleichtert, dass die Muskelkraft der Flugwerkzeuge fast aus- schliesslich auf die Vorwärtsbewegung verwendet werden kann. Dies bezieht sich nicht nur auf den Umstand, dass durch Füllung solcher Luftsäcke das Volumen des Vogels vergrössert und somit sein specifisches Gewicht vermindert wird , sondern auch darauf, dass die in irgend einer mehr oder weniger grossen Höhe auf- genommene Luft durch die Körperwärme des Vogels bedeutend erwärmt und verdünnt wird, dass somit der Inhalt der Luftsäckc stets aus einem in hohem Grade leichteren Stoff besteht, als der den Vogel umgebende Raum ihn enthält.

Es übertrifft nach meinen Beobachtungen das gesammte Vo- lumen der gefüllten äusseren Luftsäcke an und für sich schon dasjenige des Vogelkörpers, und es dürfte sich unter Hinzurechnung der in der Brust- und Bauchhöhle, sowie in den Knochen und Federspulen enthaltenen Luft leicht auf das Doppelte der festen Substanz des Körpers steigern. Andererseits liegt die Temperatur der in Frage kommenden Luftschichten immer sehr beträchtlich unter dem Gefrierpunkt. Glaisher beobachtete z. B. in einer Höhe von 20000 Fuss 25'' C. unter Null, während die Blutwärme der Vögel etwa 42 *^ beträgt, so dass der Temperaturunterschied zwischen der äusseren und der in den Luftsäcken enthaltenen Luft bis auf 67*' und darüber steigen kann. Obzwar genauere Berechnungen auf Grund physikalischer Gesetze nun freilich erkennen lassen, dass diese so erwärmte Füllung der Luftsäcke den Vögeln keine sehr bedeutende Erleichterung während ihrer Flüge zu gewähren vermag, so zwingen mich fortgesetzte Beobachtungen in der Natur dennoch unabweislich zu der Annahme, dass denselben irgend eine von dem Gebrauch ihrer äusseren Flugwerkzeuge unabhängige Schwebefähigkeit zu Gebote stehen müsse. Schon bei dem An- blick grosser Möven, die über dem Meere, und zwar nicht nur im Sturme, sondern auch bei völliger Windstille in Höhen bis zu sechs- luindert Fuss stundenlang in jeder beliebigen Richtung und Wen- dung umher schweben , ohne die geringste Flügelbcwcgung zu machen, ist es unmöglich, den Gedanken zurückzudrängen, dass

Gatkc, Vogelwarte. 2. Aufl. a

Der Zug der Vögel.

diese wunderbaren Flieger nicht über andere Mittel noch, als die mechanischen ihrer Schwingen zu verfügen haben sollten, um sich so andauernd und anscheinend mühelos schwebend erhalten zu können.

Diese Vermuthung steigert sich aber zur festen Ueberzeugung wenn man , wie ich hier während so vieler Jahre , Bussarde in grosser Zahl zum Wegzuge aufbrechen sieht. In einem der letz- teren dieser Fälle schwebten z. B. die Vögel, Falco bitte o , etwa 200 Fuss hoch über Helgoland. Absichtlich richtete ich meine Auf- merksamkeit ausschliesslich auf einen derselben. Dieser stieg ohne Flügelbewegung höher und höher, in etwa 400 Fuss Erhebung machte er ein paarmal noch zwei bis drei träge Flügelschläge, dann schwebte er aufwärts, ohne weiter die Schwingen zu regen. Der Wind war ganz schwach Süd-Ost, fast Windstille, der Himmel in Meilenhöhe mit einer leichten weissen €irrusschicht ebenmässig bedeckt , also so günstig wie möglich für derlei Beobachtungen. Die Körperlage des Vogels war etwa Süd-Süd-Ost, fast Süd ; ohne die Achsenrichtung seines Körpers , noch auch dessen horizontale Lage zu ändern, erreichte derselbe, senkrecht aufwärts schwebend, im Verlaufe einer Minute die Höhe von wenigstens tausend Fuss, bewegungslos höher und höher steigend, bis er dem Blicke in der hellen mittägigen Atmosphäre entschwand und mit ihm in gleicher Weise zwanzig bis dreissig Vögel derselben Art.

Was das Eigenthümliche der Erscheinung so ausserordentlich steigert und ganz besonders den Vergleich mit einem aufsteigenden Ballon hervorruft, ist, dass solche Vögel vollständig regungslos, stetig und rasch in ungebrochenen Linien zu Höhen aufschweben, in welche das Auge nicht mehr zu folgen vermag, welche in dem vorliegenden Falle also mindestens 1 2 000 Fuss betragen würde.

Schon bei aufmerksamer Betrachtung des Fluges der vorher erwähnten grossen Möven, wenn sie während Windstille stunden- lang ohne Flügelbewegung in gleicher Höhe umherschweben, ge- langt man zu der Ueberzeugung, dass die Fläche ihrer regungslos ausgestreckten Flügel allein nicht im Stande sein könne, fallschirm- artig das Gewicht eines solchen Vogels vor dem Sinken zu be- wahren ; und wenn dies schon nicht sein kann, um wie viel weniger ist es da möglich , dass ein Aufwärtsschweben , gleich dem der obigen Bussarde, vermöge derselben unbeweglich gebreiteten Flügel- fläche zu erreichen sein sollte. Siehe Weiteres hierüber bei Be- sprechung der Silbermöve No. 355.

Es können Vögel wohl in einer Schraubenlinie aufwärtssteigen, wenn sie durch kräftige , nach längeren oder kürzeren Zeitab-

Höhe des Wanderflugs. ^i

schnitten wiederholte Flügelschläge eine gewisse Fluggeschwindig- keit unterhalten und vermöge derselben durch geringe Hebung des Vorderkörpers gleichsam an dem Widerstände der Luft aufwärts gleiten , wie dies durch einige die obigen Bussarde begleitende Thurmfalken thatsächlich geschah ; es können auch Vögel , wie manche der kleinen Falkenarten, während des sogenannten Rüt- teins, oder Lerchen während ihres Gesanges, durch schnelle, fast zitternde Flügelbewegung momentan an einem Punkte in der Höhe verweilen ; keiner aber vermag unter alleiniger Hülfe seiner aus- gebreiteten Flügel in stiller Atmosphäre sich dauernd in gleicher Höhe ruhig schwebend zu erhalten, geschweige denn aufwärts zu steigen.

Es könnten zur Unterstützung des Gesagten Beispiele auf Beispiele gehäuft werden, es möge hier jedoch nur noch eines derselben stehen , und zwar ein Vogel , der sehr wenig für einen solchen Schwebeflug geeignet erscheinen dürfte, nämlich der Gold- regenpfeifer. Während der hiesigen Herbstjagd auf junge Vögel dieser Art lockt man dieselben in Schussnähe durch Nachahmung ihres Lockrufes, nun kommt es vor, dass diese sonst w^enig miss- trauischen Vögel, durch wiederholtes Schiessen scheu gemacht, ausser Schusshöhe fliegend dennoch dem Locken folgen; wenn die- selben bis nahezu senkrecht über dem Jäger herangeflogen sind, stehen sie fast regelmässig längere oder kürzere Zeit mit ruhig ausgebreiteten Flügeln schwebend still , herunterspähend und die Lockrufe des Jägers erwidernd, bis sie entdecken, dass dieselben nicht von ihres Gleichen ausgehen, worauf sie unter raschen Flügel- schlägen schnell enteilen. Diese Thiere sind fast ausnahmslos sehr wohlgenährt, und ihr Gewicht ist im Verhältniss zu ihrer Flügel- fläche ein so bedeutendes , dass sie , wenn nicht durch weitere Hülfsmittel unterstützt, ohne Flügelbewegung sofort sinken müss- ten ; diese Hülfsmittel aber sind in vorliegendem Falle weder in schneller Bewegung des Vogels, wie oben schon angegeben, noch auch in einer Luftströmung zu suchen, da die geschilderten Jagd- momcntc fast nur bei schönem, ganz ruhigem Wetter eintreten.

Bei allen mir bekannten Versuchen der Erklärung des Vogel- fluges geht man von dem Grundsatze aus, dass die Vögel entweder durch fortgesetzte schnellere oder langsamere Bewegungen ihrer Flügel, gleich den Armen eines im Wasser schwimmenden Men- schen, sich sowohl schwebend erhalten, als auch vorwärts bewegten, oder aber, dass ein genügend starker Luftstrom herrsche, vermöge dessen sie ein Gleiches auch ohne fortgesetzte Bewegung der aus-

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52 Der Zug der Vögel.

gebreiteten Flügel erreichten, dass aber ohne die eine oder die andere dieser Bedingungen ein Fliegen der Vögel unmöglich sei. Capitain F. W. Hutton sagt z. B. in seinen Mechanical Principles involved in the Sailiiig Fligkt of the Albatros: »Ein Albatros mit ausgebreiteten Flügeln, aber ohne Vorwärtsbewegung, würde bei völliger Windstille herunter fallen.«

Mit allen derartigen, auf mechanische Gesetze allein gestützten Erklärungen stehen meine , über ein langes Menschenleben sich erstreckenden, durch das für Form und Bewegung geschulte Auge des Künstlers unterstützten, und unter strenger Selbstkritik ge- machten unablässigen Beobachtungen jedoch so vollständig im Widerspruch, dass ich nicht anders kann, als die Frage des Vogel- fluges als eine zur Zeit noch völlig ungelöste und durchaus offene zu bezeichnen.

Ein dem Schweben in der Luft verwandter, wenn auch in entgegengesetzter Weise sich bethätigender Vorgang ist das theil- weise oder gänzliche Versenken des Körpers in das Wasser; eine Befähigung, die vielen, wenn nicht allen Tauchern eigen ist. Grosse nordische Taucher, Steinfüsse, Kormorane, Tauchenten und andere dergleichen Arten, wenn sie während des Schwimmens auf dem Meere vom Jäger im Boote dauernd verfolgt werden, senken sich nach und nach so tief in das Wasser, dass schliesslich nur noch der Kopf und der obere Theil des Halses über dasselbe her- vorragt, werden sie aber sehr hart bedrängt, so versinken sie vollständig unter die Wasserfläche, schwimmen unter derselben hundert bis hundertfünfzig Schritt weit in horizontaler Richtung fort und kommen, um zu athmen, momentan nur mit Kopf und Hals wieder hervor, ja Steissfüsse, zumal wenn schon auf dieselben geschossen worden, nur mit dem Schnabel bis zu den Augen.

Alle diese Vögel, wenn lebend und nicht beunruhigt, oder auch als todter Körper, treiben so leicht auf dem Wasser, dass sie kaum einen merklichen Eindruck in dasselbe machen, was aber weiter nicht überraschen darf, da alle hier in Frage kommen- den Arten an ihrer ganzen Unterseite mit einer Feder- und Daunenhülle bekleidet sind, die an der Brust eines im Kabinet schon eingetrockneten Steissfusses von mittlerer Grösse immer noch die Dicke von 1 5 mm hat und an einem ebensolchen grossen nor- dischen Taucher 20 bis 25 mm erreicht. Dass diese Vögel auf einer solchen, an und für sich fast gewichtlosen, noch dazu von warmer Luft erfüllten Unterlage ganz leicht treiben, ist selbst- verständlich, wie sie aber trotz derselben in das Wasser zu sinken

Höhe des Wanderflugs. 53

und unter seiner Fläche beliebig lange zu verweilen vermögen, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Ein kleiner Steissfuss, Podiceps minor, wusste sich hier z. B. in einem Wassertümpel von etwa sechzig Schritt Durchmesser und einer Tiefe von zwei bis drei Fuss längere Zeit dadurch der Entdeckung zu entziehen, dass er sich in der Mitte desselben, bis zu seinem Schnabel und den Augen versenkt , ruhig verhielt ; überraschender Weise hatte er hierzu eine Stelle erwählt, w^o wenige trockene Grashalme und einige etwa zolllange Holzspäne trieben, welche die Aufmerksam- keit von dem ohnehin schon so unbedeutenden sichtbaren Theil seines Kopfes und Schnabels gänzlich ablenkten. Ein andermal hielt sich ein ebensolcher Vogel an demselben Orte am Rande des Wassers, wo dasselbe nur noch etwa sechs Zoll tief war, ganz ruhig so weit versenkt, dass nur Schnabel und Augen die Wasser- fläche überragten. Es möge noch besonders bemerkt werden, dass in ersterem Falle die Tiefe des Wassers, sowie die Abwesenheit jedweden Pflanzenwuchses die Annahme, der Vogel könne irgend einen Halt unter Wasser gehabt haben, vollständig ausschloss; und im zweiten Falle war der Grund so eben und fest, dass auch hier an ein Anhalten mit den Füssen nicht gedacht werden konnte. In .beiden Fällen verhielten die Vögel sich vollkommen regungslos, die geringste Bewegung der höchstens dreissig Schritt entfernten Thiere würde ihr Versteck sofort verrathen haben. Aehnliches erzählt Naumann von diesem kleinen Taucher Band IX seines grossen Werkes.

Eine weitere äusserst werthvolle Beobachtung des ruhigen Versenkens des Körpers gewährte mir vor Jahren ein Kormoran in einem Teiche des Hamburger Zoologischen Gartens. Dieser Vogel hatte sich zum Zwecke des Fanges von Schwalben, welche ziemlich zahlreich über die Wasserfläche niedrig dahinstrciften, so weit unter Wasser gesenkt, dass nur sein Kopf über demselben sichtbar war ; er verhielt sich ganz regungslos an derselben Stelle, die geringste Thätigkeit seiner Füsse würde sofort das spiegel- glatte Wasser verrathen haben. Die Schwalben, welche offenbar nichts Böses ahnten, kamen ihm oft sehr nahe, und wenn er glaubte eine derselben erreichen zu können, schoss er blitzschnell den ein- gezogenen Hals hervor und schnappte danach. Nach vier bis fünfmaligen Fehlgriffen erhaschte er thatsächlich eine derselben, er schüttelte sie etwas im Wasser herum imd verschlang sie, worauf er wieder ruhig den Körper versenkte und mit einge- zogenem Halse auf weitere Beute lauerte.

54 I^ER Zug der Vögel.

Ein solches Versenken des Vogelkörpers in und unter das Wasser ist nicht mit dem alltäglichen Tauchen der Vögel nach Nahrung zu verwechseln. Dabei wird der fast senkrecht gestellte Körper durch kräftige aufwärts geführte Stösse der Schwimmfüsse in die Tiefe getrieben, und somit der gewollte Erfolg einfach durch mechanische Kraftäusserungen erzielt, ganz ebenso, wie dies bei dem gewöhnlichen Fliegen in der Luft durch schnelle kräftige Flügelschläge geschieht. Um aber das langsame Versenken des Körpers unter die Wasserfläche und sein Verbleiben daselbst in ruhigem Zustande zu ermöglichen, sollte füglich das specifische Gewicht desselben zu einem bedeutenderen, als das des Wassers, gesteigert werden können ; wie solches aber zu ermöglichen wäre, ist durchaus unersichtlich. Die Gesammtmasse der festen Theile des Körpers eines grossen nordischen Tauchers ist auf etwa einen Kubikfuss anzuschlagen, müsste also, um sinken zu können, ein grösseres Gewicht als ein gleiches Volumen Seewasser aufweisen, wiegt in Wirklichkeit aber nicht den vierten Theil desselben, denn der schwerste derartige Taucher, den ich je unter Händen gehabt, wog 15 Pfund, ein Kubikfuss Nordseewasser ist aber 62 Pfund schwer; diese ohnehin schon so sehr grosse Verschiedenheit des Gewichtes des Vogelkörpers und des gleichen Volumen Seewasser steigert sich aber noch um ein erhebliches durch die obenerwähnte, den Körper umgebende, von warmer Luft durchdrungene Daunen- und Federumhüllung.

Wie also nach allem Angeführten der Körper des Vogels unter die Fläche des specifisch so bedeutend schwereren Wassers zu sinken und dauernd daselbst zu verweilen vermag, dürfte als eine ebenso schwer zu erklärende Erscheinung gelten , wie jene, während welcher sein Körper in die specifisch so sehr viel leich- tere Luft aufzuschweben im Stande ist , in beiden Fällen nicht unterstützt durch mechanische Hülfsmittel , Luft - oder Wasser- strömungen.

Die Befähigung der Vögel, sich in sehr grosse Höhen zu er- heben, findet unzweifelhaft bei manchen, vielleicht bei vielen Arten, schon während ihrer alltäglichen , gewohnten Lebensthätigkeiten eine gewisse Verwendung. So steigen Geier , und nach von Middendorff die Kolkraben, Corviis corax, (Isepiptescn , S. 4), um ihre Nahrung zu entdecken, zu ganz erstaunlichen Höhen auf. Im Allgemeinen aber kommt diese eigenartige Fähigkeit nur während des Wanderfluges zu voller dauernder Verwerthung, und kann auch nur während desselben zur vollen Verwerthung gelangen.

Höhe des Wanderflugs. 55

Es ist daher unabwcislich anzunehmen, dass diese Eigenschaft den Vögeln lediglich für diesen Zweck geworden ist ; damit stimmt überein, was durch Beobachtung in der Natur auf das über- zeugendste bestätigt wird , dass die Vögel ohne Ausnahme sich beim Aufbruch zu ihren grossen Wanderflügen sofort über ihre alltäglichen Flugregionen erheben , und zwar die überwiegende Mehrzahl von ihnen unverzüglich zu Höhen , die sie jeder sinn- lichen Wahrnehmung vollständig entziehen.

Bei Arten , wie unsere kleinen Sänger , Drosseln und der- gleichen, will dies freilich nicht viel sagen, wenn aber Vögel von der Grösse eines Storches , und namentlich des dunkel gefärbten Kranichs, mit einer Flugbreite von sieben bis acht Fuss in die klare Atmosphäre aufsteigen, bis sie ein gutes Auge kaum noch wahrzunehmen vermag (Naumann), so darf man diese Höhe schon auf nicht geringer als 15000 bis 20000 Fuss veranschlagen. Eine dunkelfarbige Flagge von sieben bis acht Fuss Länge erkennt man an einem Schiffe im Abstände einer Meile immer noch sehr deutlich , wobei daran zu erinnern ist , dass eine vertikale Ent- fernung bedeutend günstigere Bedingungen für den Fernblick dar- bietet, als eine horizontale.

Die staunenswerthesten Ergebnisse in Betreff der Höhe , zu welcher Vögel sich aus freiem Antriebe erheben und in welcher sie beliebig lange zu verweilen vermögen, haben die Beobachtungen geliefert, welche Humboldt in den Anden am Condor gemacht hat ; danach kreiste dieser Vogel dort stundenlang in einer Höhe von 22000 Fuss umher (Ansichten der Nnhu-, II, S. 52). Humboldt fügt jedoch mit Bezug hierauf später noch hinzu, dass der Condor wahrscheinlich höher fliege, als durch Rechnung gefunden worden sei, und führt an, dass er am Cotopaxi, 13578 Fuss über dem Meere, den schwebenden Vogel in einer Höhe über sich gesehen, wo derselbe nur noch wie ein schwarzes »Pünktchen« erschienen sei. Diese Höhe kann mit Sicherheit auf mindestens 30000 Fuss veranschlagt werden. Rechnung ergiebt eine mehr als doppelt so grosse Ziffer für den Abstand, in welchem ein elf Fuss im Durch- messer haltender Gegenstand dem Blick entschwinden würde, und elf Fuss wäre nach Ilumboldt's Angabe die mittlere Flugweite eines Condors. In welcher fast imglaublich erscheinenden Ferne man in j(;ncr klaren Bergluft Gegenstände noch zu erblicken ver- mag, beweist eine weitere Mittheilung Ilumboldt's, nach welcher er mit unbewaffnetem Auge Bonpland wahrzunehmen vermochte, der, mit einem wei.ssen Mantel bekleidet, in einer horizontalen

56 Der Zug der Vögel.

Entfernung von 84132 Fiiss längs einer dunklen Felswand da- hinritt.

Praktische, hier in der Natur zu Gebote stehende Erfahrungen führen zu gleichen Ergebnissen. Die östlich von Helgoland liegende Austernbank ist 22 000 Fuss entfernt; wenn auf derselben eines der dert sehr häufig verkehrenden Fahrzeuge bei klarem Wetter eine Flagge von der Flugbreite des Condors zeigte, so würde man solche von der Insel aus nicht allein sofort erblicken , sondern es würde bei günstiger Beleuchtung ein Auge von gewöhnlicher Schärfe die Farbe derselben sogar erkennen können blau, roth, weiss. Da man nun berechtigt ist, anzunehmen , dass in jener hohen klaren Gebirgsluft , wo Humboldt beobachtete , der Vogel doch wenigstens in ebenso grosser Entfernung sichtbar sein musste, wie hier in der dunsterfüllten tiefen Atmosphäre eine Flagge von der Flügelbreite desselben, so unterschätzt man zweifellos die Flug- höhe jenes Condors immer noch , wenn man für dieselbe rund 40000 Fuss über der Meeresfläche annimmt. Es ist nach solchen Ergebnissen kaum ein Schluss zu wagen auf die Höhe, zu welcher ein grauer Geier von einer Flugbreite von zehn Fuss sich erhob, dem Dresser durch ein gutes Doppelglas nachblickte bis derselbe, gleich einem Pünktchen , seinem künstlich so sehr gesteigerten Wahrnehmungsvermögen entschwand.

Dem Vorhergehenden gegenüber sind meine hier gemachten Beobachtungen allerdings nur von sehr geringfügiger Natur. Das Gesammtergebniss kommt aber dennoch darauf hinaus , dass der Wanderflug der Vögel, mit nur sehr wenigen Ausnahmen, weit über dem Sehbereich des schärfsten Auges dahin gehe. Es weichen nun allerdings die verschiedenen Arten in der Höhe ihres Zuges ebenso von einander ab , wie sie dies in der Richtung desselben thun; immer aber erscheint und verschwindet die weit über- wiegende Masse aller ankommenden sowie abziehenden Wanderer vertikal an der fernsten Grenze des forschenden Blickes. Die Zahl solcher Arten dagegen, deren normaler Wanderflug sich nur wenige hundert Fuss über die Erdoberfläche erhebt, ist eine kaum nennenswerthe, und auch von diesen ziehen unter Umständen noch manche , wie die schon erwähnten Saatraben und Brachvögel , in einer Höhe von 10 000 bis 15000 Fuss überhin.

Ich habe Finkenhabichte hier während des Herbstzuges an- kommen sehen, die, als sie im Zenith kleinen Stäubchen gleich sichtbar wurden, nach ziemlich zuverlässiger Schätzung 10 000 Fuss hoch sein mussten. Das Maass , welches ich hierbei zu Grunde

Höhe des Waxderflugs. 57

lege, ist die Entfernung der äussersten Südspitze des Dünenriffes von Helgoland, welche 8000 Fuss beträgt. In den Schaaren von Krähen, welche diese Spitze während ihrer Zugzeit in grossen Massen überfliegen, unterscheidet man von hier aus mit äusserster Leichtigkeit jeden einzelnen Vogel, und dürfte hienach das Maass der Höhe, in welcher die ankommenden Habichte sichtbar wurden, durchaus nicht überschätzt sein. Die Ankunft dieser Habichte fand an einem hellen Plerbstnachmittag statt , der Himmel war gleichmässig von jener hohen , weissen , streifigen Wolkenbildung bedeckt, die derartige Beobachtungen ungemein begünstigt. Die Vögel wurden während des Verlaufs von etwa einer Stunde in jener Höhe, einzeln, zu dreien und vieren nach und nach sichtbar und stiegen kreisend aus derselben herab.

In anderer Weise geschieht dies Herabsteigen aus Höhen, in welchen die Vögel ebenfalls nicht sichtbar sind, bei anderen Arten. Wilde Tauben, Cohunba pahunbus, und Waldschnepfen stürzen sich oft unter raketenartigem Sausen , aber unter bedeutend grösserer Geschwindigkeit , fast senkrecht , oder in einer ein - bis zweimal gebrochenen Linie herab. Man sieht keinen Vogel, richtet aber, durch fernes Sausen aufmerksam geworden , den Blick dem Ge- räusche zu und erblickt einen unkenntlichen kleinen Punkt, der aber auch fast im gleichen Moment schon als Vogel vorüber schiesst. Tauben brechen diese Niederfahrt schon ab , wenn sie noch weit vom Roden entfernt sind ; Schnepfen aber sausen herunter bis zu drei , ja zwei Fuss Entfernung von der Erde und streichen dann ganz niedrig über dieselbe dahin. Zuweilen auch fahren sie unter ungeschlachter Velozität bis zu dem Gerolle am Fusse des Felsens hinunter, wo sie dann plötzlich so ruhig sitzen, als hätten sie sich nie gerührt. Bei jedem solcher Fälle erstaunt man aufs neue darüber, dass der Vogel sich nicht am Boden zerschmetterte. Singdrosseln sausen ebenfalls in stiller Morgenfrühe, aber in sehr schräger Richtung herunter.

In ganz anderer Weise langen die kleinen Sänger, wie Roth- schwänzchen, Laubvögel, Wiesenschmätzer und ähnliche an. Sie sind oft während schöner, sonniger Morgenstunden [)l(')tzlich in zahllosen , fort imd fort sich steigernden Massen da , ohne dass man das Ankommen eines einzigen derselben bemerkte oder an- zugeben vermöchte, aus welcher Richtung sie gekommen. Dahin- gegen sieht man Buchfinken schaarenweise in grosser Höhe, feinem Staube gleich, erscheinen, sich in vielen Wendungen unter lautem >bink-bink« herniederlassen und dem wenigen Gesträuch der Insel

58 Df.r Zug der Vögel.

zueilen. Jede Art fast steigt in anderer Weise herab, nahezu alle aber werden in grösster Höhe als kaum wahrnehmbare Punkte sichtbar.

Auch die Art und Weise der Abreise der Vögel lässt auf einen hohen Wanderflug schliessen. Viele ziehen einzeln in grosser Höhe davon ; andere in Schaaren , indem sie wie die Kraniche, kreisend aufsteigen , bis sie dem Blicke entschwinden ; Finken- habichte und Thurmfalken sah ich ebenfalls in Schraubenlinien, bis zum gänzlichen Unsichtbarwerden sich emporwinden. Das ballonartige Aufschweben der Bussarde ist zuvor schon besprochen; Singdrosseln, Rothkehlchen, Braunellen, Goldhähnchen nebst vielen Anderen werden bald nach Sonnenuntergang von einem ihrer Art, welcher zuerst sich aufschwingt , mit lauten Locktönen zum Auf- bruch gerufen; sie fliegen, von allen Seiten herbeikommend, mit aufgerichteter Brust unter schnellen, kräftigen Flügelschlägen fast senkrecht aufwärts , hin und wieder einen halben oder ganzen Kreis beschreibend. Wenn den Locktönen keine Nachzügler mehr folgen, so verstummen alle, und verlieren sich bald darauf in des hohen Himmels tiefer Bläue. Siehe Goldhähnchen Nr. 130.

Die den obigen hinsichtlich der Zughöhe zunächst sich an- schliessenden Wanderer bestehen der grösseren Zahl nach aus schnepfenartigen Vögeln, wie Numenien, Limosen, Charadrien und deren Verwandten. Diese sieht man, namentlich an klaren Frühlings- nachmittagen, schaarenweise und in kleineren Gruppen fast immer sehr hoch und meist an der äussersten Grenze des Sehbereiches Überhin ziehen. Wie weit jenseit dieser Region dieselben noch wandern mögen , ist nicht nachzuweisen ; dass sie dieselbe aber überschreiten , ist zweifellos , denn oft vernimmt das Ohr ganz schwach aber deutlich noch ihre hellen Lockrufe aus so grosser Höhe, dass das Auge vergeblich sich müht, bis zu den Wanderern hinauf zu dringen. Auch während der Nachtstunden ziehen un- geheure Massen dieser Gattungen , sowie alle die verschiedenen Strandläuferarten, zerstreut und in endlosen Schwärmen über Helgo- land dahin ; dann aber oft nicht höher als ein - bis zweihundert Fuss hoch über dem Felsen , was man theilweise im Lichtkreise des Leuchtthurms zu beobachten vermag, in grösserer Ausdehnung aber aus dem Klange ihrer Stimmen entnehmen kann. Dass aber die Vögel im Allgemeinen während der Nachtstunden niedriger zögen, als am Tage, ist nicht wohl anzunehmen, sondern es sind derartige Fälle nur als durch meteorologische Einwirkungen herbei- geführte Störungen der normalen Zughöhe anzusehen. Ausführ-

Höhe des Wanderflugs. 59

lieberes hierüber im Abschnitt der meteorologischen Beeinflussungen des Wanderfluges !

Solcher Arten nun schliesslich, deren Zug ge\v(")hnlich nur ein paar hundert Fuss hoch über dem Meeresspiegel verläuft, und die in vielen Fällen in nächster Nähe über demselben dahinziehen, sind äusserst wenige ; es erstreckt sich meiner langen Erfahrung nach ihre Zahl nicht über die folgenden drei : Krähen, Staare, Lerchen. Von diesen erheben die Letzteren sich an klaren, schönen Frühlingstagen des öfteren bis zu einer Höhe von sechshundert bis tausend Fuss ; Krähen ziehen nur in Ausnahmefällen etwa eben- so hoch und auch die Staare nur höchst selten. Alle drei Arten ziehen im Frühjahr höher als im Herbst ; während beider Zug- perioden aber geht oft, namentlich bei trüber, windiger Witterung, der Flug der Krähen und besonders auch der der Lerchen in un- mittelbarster Nähe über dem Meeresspiegel dahin. Von Staaren habe ich dies Letztere nie bemerkt; ihre dichtgedrängten, zahl- reichen Schwärme eilen, wenn sie hier nicht rasten wollen, mit einem gewissen Ungestüm, als ob jeder Vogel den Anderen voran- zueilen trachtete, in einer Höhe von zweihundert bis dreihundert Fuss über Helgoland fort.

Ausnahmsweise ziehen Lerchen während klarer Frühlingstage so hoch, dass man auch bei günstigster Atmosphäre nur ihre Lock- stimmen hört, ohne die Vögel selbst wahrnehmen zu können. Auch an Dohlen und Saatraben habe ich Gleiches beobachtet, so dass man die Gegenwart der übcrhinzichcnden Schaaren nur an ihren Stimmen zu erkennen vermochte.

Bis zu w^elchem Grade die Höhe des Wanderfluges durch meteorologische Verhältnisse beeinflusst wird, und wie unmittelbar dies stattfindet, davon erhält man hier den schlagendsten Beweis, wenn während finsterer Nächte zahlreiche Wanderer , theilweise vom Lichte des Leuchtthurms angezogen, gefangen werden. Noth- wendige Bedingung für diesen Fang ist, dass das ganze Firnianionl gleichmässig dunkel bedeckt sei, und wo möglich ein ganz feinci- feuchter Niederschlag stattfinde. Es werden dann hauptsächlich Lerchen und Drosseln, die theilweise das Leuchtfeuer umschwärmen und sich überall auf die Felsfläche niederlassen, manchmal in erstaunlicher Masse erbeutet; am Abend des 6. November iS6(S wurden beispielsweise 15000 Lercluii in etwa drei Stunden ge- fangen; leider ging lic-r Mond schon gegen 10 Ihr auf und machte* dem Fange ein Ende. Neben zahllosen Staaren, einigen Schnepfen und vielen Schwarzdrosseln wurden an den Scheilien des Lmicht-

6o Der Zug der Vögel.

thurms allein 3400 Lerchen gefangen. Welche Zahl die Ausbeute aber erreicht haben würde, wenn bei so gewaltigem Zuge während der ganzen Nacht sogenannter »finsterer Mond« gewesen wäre, ist nicht entfernt zu schätzen.

Sobald nun aber die gleichmässige Schwärze der Nacht durch das Durchblicken auch nur eines einzigen Sternes, oder eines Stückchens klarer Luft unterbrochen wird, oder am fernen Hori- zont ein kaum wahrnehmbarer Schimmer den aufgehenden Mond verkündet, wie dies am obigen 6. November der Fall war, sind sofort alle, eben noch die ganze Atmosphäre mit hundertfältigen Stimmen erfüllenden Wanderer verschwunden, d. h. sie steigen unverzüglich so weit in die Höhe, dass man sie weder im Lichte des Leuchtthurmes zu sehen, noch einen einzigen fernen Lockton von ihnen zu hören vermag. Der Zug'^n und für sich dauert aber ohne Unterbrechung seines Stromes fort, was sich daraus er- giebt, dass, wenn nach einer halben, nach einer oder zwei Stunden den ganzen Himmel wiederum gleichmässig tiefe Finsterniss hüllt, auch sofort wieder alles von Vögeln wimmelt, und der Fang aufs Neue seinen Fortgang nimmt.

Das soeben Gesagte illustrirt auf das Deutlichste , von wie anscheinend geringfügigem Wechsel in der Atmosphäre die Höhe des Vogelzuges unverzüglich beeinflusst wird, und wie wenig dazu gehört, ihn uns wahrnehmbar zu machen oder unserer Sinnes- wahrnehmung zu entrücken. Hierbei kann ich nicht umhin , des von mir öfter erwähnten, sehr massigen Werthes der Aufzeichnungen von Daten des Vorkommens ziehender Vögel an bestimmten Punkten zu gedenken. Es ist an und für sich schon eine Un- möglichkeit, einen Kreis von etwa einer Meile im Durchmesser zu beherrschen, der etwas Wald, Haide, Getreidefelder, Wiesen und Wasser darbietet. Wie will man täglich feststellen, was an ver- schiedenen Arten in diesen verschiedenen Lokalitäten vorgekommen ist. Anders ist es freilich auf Helgoland , von dem man ohne Scheu sagen kann, dass buchstäblich kein Vogel der Beobachtung entgehe. Aber trotzdem kann das Ergebniss derartiger Aufzeich- nungen immer nur ein Verzeichniss der an dem Beobachtungs- punkte stattgefundenen Störungen und Unterbrechungen des Zuges sein, den Ursachen solcher Störungen nachzuforschen, ist aller- dings ein hochinteressantes Studium. Das sonstige Ergebniss der- selben, wenn während einer sehr langen Reihe von Jahren, in einem sehr günstigen Gebiet unter unaufhörlicher Aufmerksamkeit ausgeführt, geht nicht über die Kenntniss des Zeitabschnittes hin-

Höhe des Wanderflugs. 6i

aus, während welches solche Störungen im Herbst oder Frühjahr stattgefunden, woraus aber nur annähernd auf die wirkliche Zug- dauer zu schliessen ist, da man ja nie zu bestimmen vermag, ob die zuerst gesehenen Individuen einer Art auch in Wirklichkeit den jeweiligen Zug eröffnet , oder ob demselben nicht schon wochenlang die Vorhut desselben in normalem Wanderfluge hoch Überhin vorangegangen sei.

Die Ankunftslinie oder Zugfrcnt einer Art während einer be- stimmten Zeit auf solche Beobachtungen zu gründen, oder daraus auf die Schnelligkeit des Wanderfluges zu schliessen, wie von Middendorf dies versucht, dürfte doch sehr misslich sein. Denn zuvörderst ist schon nicht zu bestimmen, ob man den Frühlingszug nordwärts verfolgende Stücke vor sich habe, oder nicht etwa solche , die in östlicher Richtung ziehen ; und ferner ist keine Sicherheit geboten, ob die zuerst gesehenen Individuen einer Art thatsächlich die dem Beobachtungskreise angehörenden Brutvögel seien. Es kann, um es zu wiederholen, vermöge solcher Daten niemals mit der für solche Zwecke nöthigen Bestimmtheit ange- geben werden , wann eine Art unter irgend einem Breiten- oder Längengrade anlange oder denselben überfliege, sondern die ver- zeichneten Daten ergeben nur die Störungen des Zuges, welche in dem Bereiche des Beobachtungskreises stattgefunden haben, was, wie schon wiederholt erwähnt, einzig von meteorologischen Zu- fälligkeiten abhängend, ebensogut hundert iNIeilen südlicher oder nördlicher, östlicher oder westlicher geschehen, oder auch gänzlich unterbleiben konnte, in welch letzterem Falle der Zug normal ver- laufen wäre, und der Beobachter von den weit ausser dem Bereich seines Sehvermögens dahingezogenen Wanderern nichts wahrge- nommen haben würde. Während wir in solchem Falle den Zug als einen sehr schlechten bezeichnen, bauen unsere befiederten Freunde schon im hohen Norden oder fernen Osten ihr Nest oder sitzen im warmen südlichen Sonnenschein, putzen ihr Gefieder und blicken fröhlich zurück auf eine angenehme, ohne jedwede Widerwärtigkeit verlaufene Reise den Spruch hiesiger Jäger bewahrheitend: Zeit vorbei, Vögel vorbei ; das heisst, wenn während der Zugperiode der mancherlei Arten, in Folge sogenannter konträrer Winde kein Vogel gesehen worden, so ist nach Ablauf dieser Zeit keiner mehr zu erwarten, möge auch Wind und Wetter so günstig wie nur immer m(')glich sein.

Zum Schluss dieses Kajjitels sei noch ein interessanter Versuch erwähnt, durch welchen die Fähigkeit der Vögel, in äusserst hohen

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Luftregionen leben zu können, einer directen Prüfung unterzogen worden ist. Diesen Versuch haben Glaisher und Coxwell mit einigen Tauben angestellt, die sie auf ihrer Luftreise in England im September 1862 mitnahmen. Die erste der Tauben ward beim Aufsteigen in 16000 Fuss Höhe ausgesetzt, sie breitete die Flügel und schien zu sinken, während der Ballon mit einer Schnelligkeit von 1000 Fuss in der Minute stieg sie dürfte wohl mit ruhig ausgebreiteten Flügeln geschwebt haben; die zweite setzte man in 2 1 000 Fuss Höhe aus , diese kreiste in kräftigem Fluge , an- scheinend abwärts, umher; eine dritte, in ungefähr 25 000 Fuss Höhe ausgesetzt, fiel wie ein Stein in die Tiefe. Der Ballon er- reichte eine Höhe von 36000 bis 37000 Fuss. Während derselbe hierauf mit einer Geschwindigkeit von 2000 Fuss in der Minute sank, setzte man die vierte Taube in dei- Höhe von 21 000 Fuss aus, diese folgte kreisend dem so schnell sinkenden Ballon und setzte sich auf den oberen Theil desselben. Von den verbliebenen zwei Tauben fand man nach beendeter Expedition die eine todt, die andere, eine Brieftaube, flog eine Viertelstunde später ziemlich kräftig dem Ort der Abfahrt zu, wohin zwei Tage später noch eine der ausgesetzten Tauben zurückkehrte. Unzweifelhaft ist, dass, hätte man zu diesen Versuchen wild eingefangene, anstatt zahme Tauben verwenden können, die Erfolge durchaus andere gewesen sein würden. Einestheils schon ist es unmöglich, dass zahmes Geflügel, selbst die vorzüglichsten Brieftauben nicht ausgeschlossen, auch nur annähernd Flugergebnisse liefern könne , die man als Maassstab für das, was wilde Vögel zu leisten vermöchten, ansehen kann ; ausserdem kommen bei Versuchen wie die obigen noch mannigfaltige Umstände in Betracht, denen wohl kaum Rechnung getragen ist. Es haben z. B. alle solche Vögel, die man unmittel- bar während des Zuges erhält , nicht die geringsten Reste von Nahrung im Magen ; einige kleine Quarzkörnchen sind alles , was man vorfindet. Diese Beobachtung macht man keineswegs allein an solchen Stücken, welche die etwa kurz vor der Abreise ge- nossene Nahrung im Verlaufe eines langen Wanderfluges verdaut haben könnten, sondern es verhalten sich in dieser Hinsicht auch alle solche, die während der ersten Abendstunden des Herbstzuges, also doch wahrscheinlich nach ganz kurzem Fluge, gefangen werden, ebenso, wie solche, die man während des Frühlingszuges in der Morgenfrühe nach einer durchflogenen Nacht erhält. Es unter- liegt demnach keinem Zweifel, dass die Vögel erst nach stattge- fundener Verdauung ihre Reise antreten, wie es z. B. die hier im

Höhe des Wanderflugs. 63

Mai eine Stunde nach Sonnenuntergang, und später, für den Zug aufbrechenden kleinen Sänger und Drosseln thun. Ein voller Magen ruft an und für sich schon bei jedem Geschöpfe Unlust zu anstrengender Bewegung hervor, für den zu einem langen hohen Fluge aufbrechenden Vogel dürfte es aber ganz besonders geboten erscheinen, dass sein Gewicht so gering wie möglich sei. Obige Expedition brach nun aber in der Mitte des Tages auf, die mit- genommenen Tauben waren demnach zweifellos vollgekröpft, und somit so wenig geeignet für das zu bestehende Experiment, dass es in der That überraschend ist, wenn dennoch die meisten der- selben so günstige Resultate lieferten.

Wie wenig dagegen der Mensch und zweifellos auch jedes andere warmblütige Geschöpf befähigt ist , unter alleiniger Be- nutzung der eigenen Körperkräfte , eben nur bis nahe der Gipfel der höchsten Erhebungen der Erdoberfläche vorzudringen, beweisen genugsam alle seit Humboldt's Chimborazzo- Expedition unter- nommenen Bergbesteigungen. In Höhen von 20000 bis 22000 Fuss sind die Athmungsbeschwerden und die allgemeine Erschöpfung derartige , dass jede weitere , auch die geringste körperliche An- strengung fast zur Unmöglichkeit wird. Gay Lussac vermochte am Chimborazzo in einer Höhe von gegen 20000 Fuss nur eine Viertelstunde auszuhalten. Die Gebrüder Schlagintweit arbeiteten sich am Ibi Gamin zu einer Höhe von 22 259 engl. Fuss hinauf, wo vollständige Ermattung sie zwang, weitere Versuche zum Vor- dringen aufzugeben. Die sie begleitenden Leute waren gleichfalls gänzlich erschöpft.

Im Zustande vollständiger k()rpcrlicher Ruhe in der Gondel eines Ballons ist man während wissenschaftlicher Luftreisen aller- dings bedeutend höher gelangt , aber auch dies geschah stets nur unter Einsetzung des Lebens : Tissandicr , Spinelli und Siwel I)rachen, als sie bis auf 26000 Fuss gestiegen, bewusstlos zu- sammen, letztere beide, um nie wieder zu erwachen. Glaisher er- reichte eine Höhe von 29 000 Fuss, ehe ihn das Bewusstsein ver- licss ; sein Begleiter Coxwcll hingegen, wenn auch gänzlich erstarrt, vermochte , während der Ballon noch im Steigen begriffen war, die Schnur des Ventils mit den Zähnen zu erfassen , dasselbe zu (")ffnen und so den Ballon zum Sinken zu bringen , ohne das Be- wusstsein verloren zu haben.

Alle Erfahrungen sind demnach mit Sicherheit dahin zusammen- zufassen , dass weder der IMensch, noch irgend ein warmblütiges, vierfüssiges Gesch<')pf unter krirpeiliclien Anstrengungen über eine

64 Der Zug der Vögel.

Höhe von 22000 Fuss erheblich hinaus zu gelangen vermag, und dass für den Menschen das Vordringen zu Höhen, welche über 26000 Fuss hinaus liegen, auch im Zustande völliger körperlicher Ruhe von äusserster Lebensgefahr begleitet ist, dass dahingegen die Vögel aus eigenem freien Willen sich bis zu Höhen von 35000 bis 40000 Fuss erheben können und daselbst unter anstrengender Muskelthätigkeit beliebig lange auszudauern vermögen, vollständig unbeeinfiusst von der geringen Dichtigkeit der Luft und dem ge- ringen Sauerstoffgehalt derselben, noch auch durch die so äusserst niedrige Temperatur, welche daselbst herrscht. Fühlten sie eben das geringste Unbehagen während solcher, anscheinend oft zum blossen Zeitvertreibe unternommenen Flüge , wie z. B. die des Condor, so würden dieselben entweder ganz unterbleiben oder aber nicht auf so geraume Zeit ausgedehnt werden, wie dies thatsächlich geschieht.

Den Menschen treibt der Wissensdurst, in Regionen vor- zudringen, für welche seine, wenn auch dehnbarere, physische, Ausstattung sich nicht mehr als zureichend erweist. Andere Ge- schöpfe , deren Thun und Treiben nur auf Erhaltung des Indi- viduums und der Art gerichtet ist , besitzen eine ihren einfachen Daseinszwecken und damit verknüpften Lebensthätigkeiten ent- sprechende Ausrüstung, und jedes derselben macht den ausgiebigsten Gebrauch von den ihm gewordenen Eigenschaften und Fähigkeiten. Für fast alle hört jedoch die Möglichkeit des Bestehens in dem Reiche des ewigen Schnees und darüber hinaus auf. Nur eine Ausnahme findet hiervon statt, und diese bildet, wie eben gesagt, die Klasse der Vögel. Sich zu nähren und fortzupflanzen würden auch sie nicht vermögen in den Räumen der unwandelbaren eisigen Erstarrung, aber für sie tritt noch eine ganz andere Daseins- bedingung hinzu, nämlich ihr Wanderflug. Im Vorhergehenden ist nachzuweisen versucht worden, dass derselbe in Höhen von statten gehe, die weit über jede Sinneswahrnehmung hinaus liegen, hieran nun knüpft sich die Frage nach dem besonderen Zwecke einer so ausnahmsweisen Erscheinung.

Trotz vereinzelter, anscheinend entgegenstehender Ausnahmen besteht dieser Zweck nun einestheils darin; die Wanderer zu befähigen, sich zu denjenigen Luftschichten zu erheben, die ihnen momentan die günstigsten Bedingungen für den Zug darbieten und sie somit von den häufigen meteorologischen Störungen unabhängig zu machen, welche in den der Erdoberfläche näheren Luftschichten, namentlich während der Herbstmonate, vorherrschend stattfinden.

Höhe des Wanderflugs. 65

und die geeignet wären, den Zug einer Art auf lange Zeit hinaus, wenn nicht während seiner ganzen jeweiUgen Zeitdauer zu ver- hindern. Anderntheils aber ist die unbegreifliche SchnelHgkeit des Wanderfluges , welche viele Arten während ihrer so weiten un- unterbrochenen Züge entwickeln und im Ueberfliegen weiter Ozeane entwickeln müssen , wohl nur zu erreichen in Erhebungen , wo die Atmosphäre vermöge ihrer äusserst verminderten Dichtigkeit dem Vorwärtsdringen ein weit geringeres Hinderniss entgegen- setzt.

Zweifelsohne sind mit dieser so wunderbaren Erscheinung noch manche physikalische Fragen verknüpft, deren Erledigung aber wohl noch langer und ernstester Forschung widerstehen dürfte.

C a t k <• , Vogelw.irte. 2. Aufl.

IV. Schnelligkeit des Wanderflugs.

IE Schnelligkeit des Wanderflugs der Vögel bildet einen weiteren höchst interessanten Abschnitt in der Be- trachtung des Zuges. Wie dieser in seinem allgemeinen Wesen etwas ganz allein Dastehendes im Leben der Vögel ist, so sind auch wiederum die einzelnen Momente desselben in gar keinen Vergleich mit den alltäglich vorkommenden Lebens- äusserungen derselben zu bringen. Eine grosse Anzahl Vögel z. B., die das ganze Jahr hindurch allen ihren Thätigkeiten nur im Lichte des Tages nachzugehen vermögen , und nach ein- getretener Dunkelheit die unbeholfensten Geschöpfe sind, wechseln, sobald die Zugzeit ausgebrochen ist, ihr Naturell in solchem Grade, dass sie sich, nachdem die Sonne gesunken, zu einer grossen, ihnen bis dahin gänzlich unbekannten Höhe aufschwingen und in Nächten von schwärzester Finsterniss ihrem Wanderziel mit un- fehlbarer Sicherheit zuzufliegen vermögen. In gleicher Weise stehen ihre alltäglichen Flugbewegungen auch nicht annähernd in irgend einem Verhältniss zu der wunderbaren Fluggeschwindigkeit, welche sie während ihrer Wanderflüge zu erreichen vermögen. Lange hat man diesem Gegenstande grosse Aufmerksamkeit gewidmet, ohne bisher zu einem den Thatsachen entsprechenden Ergebniss gelangt zu sein : Noch bis in die Neuzeit wird als Beispiel der wunder- baren Schnelligkeit des Vogelfluges ein Jagdfalke angeführt, der Heinrich II. von Fontainebleau entflohen, 24 Stunden später auf Malta eingefangen ward. Man ruft hierzu aus »Neun geogra- phische Meilen in einer Stunde!« (Dr. Weissmann, Das Wandern der Vögel; S. 36.) Hätte man dem Gegenstande mehr Nach- denken zugewandt, so würde man zu einem wenigstens doppelt so grossen Ergebniss der Fluggeschwindigkeit gelangt sein, denn jener

Schnelligkeit des Wanderflugs. (>"]

Vogel flog sicherlich nicht die vollen 24 Stunden hindurch, son- dern rastete während der Nacht, und ohne Zweifel hat er unter- wegs auch noch irgend eine Beute erlegt, sich vollgekröpft und in Ruhe verdaut. Es blieb ihm dann immer noch, wie später nach- gewiesen werden wird, Müsse genug, um innerhalb der obigen Zeitdauer nach Malta zu gelangen.

Herrn von Middendorff's Beobachtungen lehrten ihn, dass > Tauben und andere Vögel in sechs Minuten, ja in halb so kurzer Zeit, eine geographische Meile zurücklegen können« {Isepiptesen, S. 140), er fügt aber hinzu, dass »die Vögel weit davon entfernt seien, mit einer solchen Geschwindigkeit ihre Reisen auszuführen; die Schnelligkeit ihrer Ortsbewegung sei wohl keine bedeutend geringere, aber sie rasteten, wo es ihnen zusage, und rückten im Laufe eines Reisetages nicht mehr als etwa vier bis zwölf geo- graphische Meilen vor.« Dies Ergebniss, zu dem ein so gediegener und ernster Forscher gelangt, ist um so wunderbarer, da die Beobachtungen, auf welche es gestützt wird, zur Zeit des Frühlings- zuges stattfanden, während dessen, so weit meine Erfahrung reicht, die Vögel in bedeutend geringerem Grade zu Unterbrechungen ihrer Reise geneigt sind.

Ein die MiddendorlT'sche Angabe übertreffendes Beispiel der Fluggeschwindigkeit liefert zunächst eine Brieftaube, welche wäh- rend eines Preisfliegens von Gent nach Ronen das Maass von fünfundzwanzig geographischen Meilen in einer Stunde erreichte. (Yarrell, Brit. Birds, 1845, II, p. 296.) Es wird daselbst Coluviba livia, von welcher die Brieftaube gezüchtet ist, besprochen, und nicht zu bezweifeln ist, dass die Flugfähigkeit dieser letzteren, welche viele Generationen hindurch in gezähmtem Zustande gelebt, weit hinter der ihrer wilden Stammmutter zurückgeblieben sei.

Die Aufmerksamkeit, welche ich diesem Gegenstande zuge- wandt, hat zu Ergebnissen geführt, die alles Obengenannte in über- raschendster Weise übertreffen. Schon an einem anscheinend so schwerfälligen Flieger wie die Krähe, Corvus cornix, von der man es gewiss lächerlich finden würde, wollte sie sich mit der Brieftaube auf ein Preisfliegen einlassen, kann eine Wandergeschwindigkeit von siebenundzwanzig Meilen in der Stunde nachgewiesen werden, und dies nicht etwa als eine ausnahmsweise Leistung, wie es wohl die der obigen Brieftaube war, sondern als Regel, welche von Millionen und Aber -Millionen ihrer Art während ihrer jährlichen 1 lerbstzüge innegehaltzn wird. Eine solche Leistung der Krähe ruft nun aber die berechtigte Annahme hervor, dass Vögel von knapperem

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68 Der Zug der Vögel.

Gefieder und nach unserer Ansicht besser geformten Flugwerk- zeugen, wie Edelfalken, Schwalben, Tauben, die grösseren Regen- pfeifer und Totaniden, sicherlich ungleich Bedeutenderes zu leisten im Stande sein müssten was sie unzweifelhaft auch sind, denn eine dahingehende, alles bisher Angeführte überflügelnde Leistung ist in der That nachweisbar ; merkwürdiger Weise jedoch nicht an einem der soeben als vortreffliche Flieger aufgezählten Arten, sondern an einem Vögelchen, welches man sicherlich als nur mit höchst mittelmässiger Flugfähigkeit begabt bezeichnen würde, dem nordischen Blaukehlchen, Sylvia suecica, nämlich, dem sich eine Wandergeschwindigkeit von fünfundvierzig geographischen Meilen in einer Stunde nachweisen lässt.

Eine derartige Schnelligkeit des Wanderflugs kommt ganz be- sonders während des Frühlingszuges zur_Entfaltung. Der Verlauf desselben ist nothwendiger Weise ein möglichst kurzer: vielen Vögeln, namentlich hochnordischen, ist die Zeit für den Nestbau, das Brüten und Aufziehen der Jungen äusserst knapp bemessen, und so wird auch ihr Zug während eines normalen, nicht durch Witterungseinflüsse gestörten Verlaufes von den meisten ganz oder doch nahezu in einem ununterbrochenen nächtlichen Fluge zurückgelegt. Hierbei hat es sich denn herausgestellt, dass Arten, wie z. B. das obengenannte nordische Blaukehlchen, welches in den Nilländern und dem mittleren Afrika, etwa vom lo. bis 27. Grade N. B. überwintert, während der Dauer einer solchen Früh- lingsnacht in einem Fluge bis unter den 54" N. B. und zweifellos noch bedeutend weiter gelangen also wenigstens vierhundert geographische Meilen in neun Stunden durchfliegen.

Wenn dies Blaukehlchen Ende April oder Anfang Mai sein Winterquartier verlässt, um zu seiner nordischen Heimath zu ge- langen, so ist der erste Punkt, an dem es alljährlich mit Sicher- heit als gewöhnlicher Vogel angetrofl"en wird und unter günstigen Witterungsverhältnissen in sehr grosser Zahl vorkommt, die Insel Helgoland. In allen zwischenliegenden Breiten, in Griechenland, Italien, Süddeutschland, selbst noch in dem nahen Norddeutschland ist es während seines Frühlingszuges eine so grosse Seltenheit, dass man sein Vorkommen nur als höchst zufällige Ausnahme be- trachten darf, »einzeln und selten genug« wie Naumann Band XIII sagt. Hier auf Helgoland aber ist es gar nichts Ungewöhnliches, zwanzig bis fünfzig dieser Vögel an einem Tage zu erhalten, ja ich erinnere mich, dass mir einmal einige sechzig, nur ausgesucht schöne Männchen, an einem Maivormittage gebracht wurden, und

Schnelligkeit des Wanderflugs. 69

die Gebrüder Aeuckens eine nahezu eben so grosse Zahl erhielten. Alle solche Stücke werden in den Gärten des Oberlandes gefangen, während zu gleicher Zeit in dem Geröll und den Grotten am Fusse des Felsens, sowie in dem Gestrüpp der Düne sich eben so grosse Mengen aufhalten.

Gleich den meisten Vögeln, namentlich den Insektenfressern, wandert auch dies Blaukehlchen während der Nacht, seinen Zug mit Eintritt der Abenddämmerung beginnend und mit Tagesanbruch oder gleich nach Sonnenaufgang beschliessend; es legt somit den mehr als vierhundert geographische Meilen weiten Flug von Aegypten bis Helgoland im Laufe einer Frühlingsnacht von kaum neun Stunden zurück, woraus sich die an das Wunderbare grenzende Fluggeschwindigkeit von fünfundvierzig geographische Meilen in der Stunde ergiebt. Es überwintert diese Art nicht westlicher als im mittleren Afrika, und brütet nicht westlicher als Norwegen; es kann demnach über die Identität der Helgoländer mit den mittelafrikanischen Stücken kein Zweifel obwalten.

Eine weitere Bestätigung dafür, dass dies Vögelchen während seines Frühlingszuges nicht rastet und etwa von näheren Stationen hierher gelangt, ergiebt sich aus dem Umstände, dass es nie während des nächtlichen Vogelfanges beim Leuchtfeuer gesehen wird, sondern ohne Ausnahme zur Zeit der Morgendämmerung hier anlangt.

Es ist dies Blaukehlchen seinem ganzen Habitus nach durchaus nicht als ein nur einigermaassen guter Flieger anzusehen ; die Lebensweise, welche es das ganze Jahr hindurch, mit Ausnahme der einzigen Frühlings - Zugnacht führt, müsste dasselbe nach den Grundsätzen der Hypothese von Zuchtwahl und der Vererbung konsequenter Weise längst schon so vom Fluge entwöhnt und zurückgebildet haben, dass es solchen Flugleistungen wie die oben nachgewiesenen, keineswegs mehr gewachsen sein könnte nichts zu sagen von der Entwicklung, welche nach der anderen Seite hin stattgefunden haben müsste, da es als Erdsänger sich nur am Boden aufhält, wo es den ganzen Tag in grossen Sätzen um- hcrhüjjft und fast nur gezwungen von seinen Flugwerkzeugen Gebrauch macht. Wenn also solch ein Vögelchen, bei dem während all seiner Lebensthätigkeiten das Fliegen nahezu eine Ausnahme ist, dennoch bei einer einzigen Gelegenheit im Laufe eines Jahres so Wunderbares zu leisten vermag, wie erstaunlich müssen da die ausnahmsweisen Leistungen so guter und eifriger Flieger, wie der Baumfalk, die Rauchschwalbe und dergleichen,

70 Der Zug der Vögel.

erst sein. Sicherlich ist es der Forschung noch vorbehalten, auf diesem Gebiete höchst Ueberraschendes an das Licht zu fördern.

Aus dem Obigen geht nun nicht allein hervor, dass die Vögel eine, ich darf wohl sagen, nie geahnte Flugfähigkeit besitzen, sondern es beweist weiter, dass auch die Wanderflüge derselben mit einer gleich grossen Schnelligkeit zurückgelegt werden. Wenn die Ergebnisse, zu welchen meine Beobachtungen geführt, in so hohem Grade von denen abweichen, zu welchen Herr von Midden- dorff gelangt ist, so findet dies vielleicht seine Erklärung in dem bedeutenden Breitenunterschiede der Gebiete, in welchen unsere Beobachtungen angestellt sind : hier auf Helgoland sieht man die Wanderschaaren während beider Zugperioden des Jahres in gleich unverringerten Massen und in ursprünglichem Drange vorüber eilen ; während in jenen hohen Breiten, „Avelche zu durchforschen Herrn von Middendorff vergönnt gewesen, der Frühlingszug vieler Arten entweder vollständig oder doch nahezu seinen Abschluss findet dort mag dann wohl, wenn die Vögel, so hoch nördlich gelangt, noch auf den Durchbruch des Sommers in ihrer nicht mehr fernen Brutzone zu warten haben, ein zeitweilig so lang- sames Vorrücken sich oft genug herausstellen, als allgemeine Regel kann aber ein mittleres Reisetempo von täglich acht Meilen nicht angenommen werden, dem stehen zu viele Thatsachen entgegen. Solche Arten unter anderm, die im mittleren Aegypten über- wintern und innerhalb des Polarkreises brüten, würden dann nahezu drei Monate zu ihrer Reise nöthig haben, was an und für sfch schon ausser aller Frage steht, und auch durch das oftgenannte Blaukehlchen widerlegt wird : reiste dasselbe so langsam, so müsste man es während seines Frühlingszuges in Italien und ganz Deutsch- land ebenso zahlreich antreffen, wie auf Helgoland, wohingegen dasselbe wie schon weiter zurück gesagt, in allen zwischen seinem Winterquartier und dieser Insel liegenden Ländern nur als höchst seltene und ausnahmsweise Erscheinung beobachtet worden ist.

Fast alle bisher angeführten Beispiele der Fluggeschwindig- keit der Vögel sind dem allerdings unter bedeutender Hast ver- laufenden Frühlingszuge entnommen, es ist aber keineswegs allein der Zug zum heimathlichen Neste, welcher die Vögel zu so über- raschenden Leistungen anspornt, sondern auch die weniger Eile verrathende Reise in das Winterquartier bietet genügende Beweise für die Schnelligkeit des Fluges überhaupt, sowie für die that- sächliche tägliche Wandergeschwindigkeit dar. Der schon erwähnten Krähe, Corvus cornix, möge hier nochmals eingehender gedacht

Schnelligkeit des Wanderflugs. 71

werden; dieser sicherlich zu den weniger gewandten FUegern gehörende Vogel zieht im Herbst in zahllosen Schaaren über Helgoland , und meilenweit zu beiden Seiten desselben dahin. Die ersten Züge treffen in der Frühe etwa um acht Uhr hier ein ; in unverminderten Massen folgt Schaar auf Schaar bis zum Nachmittag um zwei , ohne ihren Flug zu unterbrechen , ziehen sie in west- licher Richtung dahin. Nach meines verehrten Freundes John Cor- deaux Mittheilungen mit dessen, Helgoland gegenüber an der Englischen Ostküste gemachten Beobachtungen ich meine Auf- zeichnungen fortwährend vergleiche treffen die ersten Flüge daselbst um elf Uhr Vormittags ein, und die letzten etwa um fünf am Nachmittag, manchmal gefolgt von vereinzelten Nachzüglern.

Dass die hier fern östlich erscheinenden und am westlichen Horizont verschwindenden Flüge dieselben sind , welche über das Meer von Osten her an die englische Küste gelangen, unterliegt, wie wiederholt nachgewiesen , nicht dem geringsten Zweifel. Somit überfliegen diese schwerfälligen Flieger die achtzig geographische Meilen breite Nordsee in drei Stunden und legen demnach nahezu siebenundzwanzig Meilen in einer Stunde zurück. Es ist dies Beispiel der Zuggeschwindigkeit um so überraschender, weil es eben von einem fast unbeholfen zu nennenden, jedenfalls keineswegs körperliche Gewandtheit zeigenden Vogel geliefert wird.

Einige weitere Beispiele für eine Wandergeschwindigkeit , die bedeutend grösser als das Mittel von acht Meilen in einem Tage ist, mögen hier noch Platz finden. Von dem Bäurischen Stelzen- pieper, AntJius Richardi, kommen bei günstiger Witterung die jungen Merbstvögel schon im Anfange des September auf Helgoland an, also nachdem sie etwa zwei Monate vorher das Ei verlassen und wenigstens die Hälfte dieser Zeit bis zur vollendeten Flugbar- werdung gebraucht hatten. Die Entfernung von Dauricn bis Helgo- land beträgt etwa tausend geographische Meilen ; legte dieser Pieper nun nicht mehr als acht Meilen an einem Tage zurück, so würde er anstatt während der ersten Septembertage, erst gegen Ende Dezember hier eintreffen können, dabei wäre immer noch noth- wendig, dass während der ganzen Dauer der Reise das Wetter für dieselbe günstig bliebe, was für diese Zeit des Jahres als absolut unmöglich bezeichnet werden muss. Entfielen den Wanderern aber durch schlechte Witterung nur ein Dritttheil der Tage, oder viel- mehr Nächte, was keineswegs zu hoch gegriffen, so würde die nach obigem Maasse nöthige Reisezeit sich so sehr hinausdehnen, dass alle diese Wanderer den Unbilden des Wetters erliegen müssten;

72 Der Zug der Vögel.

geschähe dies nun aber auch nicht, und setzten sie im selben Tempo die Reise zu einem Winterquartier in Südfrankreich oder Spanien fort, so würden sie, daselbst angekommen, sofort wieder zur Heimath aufbrechen müssen, um rechtzeitig zum Nisten an ihren Brutstätten anzulangen. Dies bezieht sich nur auf die jungen Sommervögel, alte Brutvögel erscheinen hier erst von Mitte Oktober bis Mitte November.

Das schlagendste und unanfechtbarste Beispiel für eine an- dauernd mit grösster Schnelligkeit ausgeführte Wanderung bietet jedoch ein Amerikanischer Vogel , der Virginische Regenpfeifer, Charadriiis virginictis, welcher während seines Herbstzuges die oben nachgewiesene Schnelligkeit des Frühlingszuges vom Blaukehlchen wahrscheinlich noch übertreffen dürfte. Schaaren von Tausenden dieser Vögel hat man hundert und mehr Meilen östlich von Bermuda südwärts fliegend angetroffen, nämlich auf dem Wege von ihren Brutplätzen in Labrador nach dem nördlichen Brasilien; die Ent- fernung zwischen den Küsten beider Länder beträgt achthundert geographische Meilen und auf dieser langen Linie befindet sich nicht ein einziger Ruhepunkt, die Wanderer sind somit gezwungen, diese ganze ungeheuere Wegstrecke in einem Fluge zurückzulegen. Fünfzehn Stunden dürfte nun wohl die äusserste annehmbare Frist sein, während welcher ein Vogel in ununterbrochenem Fluge und ohne Nahrung auszudauern vermöchte dies würde eine Flugge- schwindigkeit von dreiundfünfzig geographischen Meilen in der Stunde ergeben.

Eine derartige Leistung ist nun allerdings im höchsten Grade staunenerregend , dennoch aber liegt nichts vor , was anzunehmen zwänge, dass es eine ausnahmsweise, vereinzelt dastehende sei ; im Gegentheil dürfte man berechtigt sein zu schliessen, dass gute Flieger, wie eben dieser Regenpfeifer, während des Frühlingszuges noch Bedeutenderes zu leisten im Stande sind, da es das kleine schwache Blaukehlchen, wie nachgewiesen, während der letzteren Zugperiode bis auf fünfundvierzig Meilen in der Stunde bringt. Es unterliegt aber auch im Falle dieses Blaukehlchens geringem Zweifel, dass die Fluggeschwindigkeit selbst auch dieses Vögelchens eine noch be- deutend grössere sein könne, denn bei Besprechung des Frühlings- zuges desselben ist nur die geringere Entfernung vom nördlichen Afrika bis Helgoland in Rechnung gezogen ; es erstreckt sich nun aber einestheils sein Winterquartier südlich bis zu 12 und lo'^ N. B. und anderntheils können die auf Helgoland momentan Rastenden doch nur einen geringen Bruchtheil des von Afrika nach Skandina-

Schnelligkeit des Wanderflugs. 73

vien gerichteten Zuges bilden, die überwiegend grosse Individuenzahl derselben setzt ihren Flug bis wenigstens in das mittlere Norwegen fort und legt somit in derselben Mainacht eine Wegstrecke von fünf- bis sechshundert Meilen zurück. Letzteres ergäbe aller- dings ein Resultat von einer Meile in der Minute, für einen auf- merksamen Helgoländer Beobachter macht dies aber keineswegs den Eindruck von etwas durchaus Unmöglichem, denn die während klarer sonniger Spätnachmittage des Vorsommers die Insel in reissend schnellem Zuge überfliegenden Charadrien, Numenien, Limosen und dergleichen gelangen zweifellos in einer Minute bis zur 22000 Fuss östlich von hier liegenden Austernbank.

Wie wenig rastbedürftig ausserdem die Vögel während der längsten Wanderflüge sind , beweisen gleichfalls die soeben be- sprochenen Amerikanischen Regenpfeifer, von denen grosse Abthei- lungen des nach Südamerika gerichteten Zuges Bermuda in immensen Massen überfliegen ; so lange gutes Wetter die Reise begleitet, unter- bricht kein einziger dieser Vögel den Zug, und nur Sturm kann sie bewegen, sich nieder zu lassen. (J. M. Jones, Naturalist in Bermuda^ Dennoch aber sind dieselben von Labrador bis Bermuda schon drei- hundert geographische Meilen geflogen, und haben bis zu den nörd- lichsten der Kleinen Antillen noch über zweihundert Meilen zurück- zulegen — aber auch hier unterbrechen sie nur sturmgezwungen ihren Zug in grösseren Massen. (A. Newton. Brieflich.)

Der Herbstzug unterscheidet sich, wie schon wiederholt erwähnt, in mehrfacher Hinsicht vom Frühlingszuge, besonders aber in seinem Reisetempo, da derselbe nicht von dem Zweck beherrscht wird, ein bestimmtes Ziel in einer fest vorgeschriebenen Zeit zu erreichen, sondern es sich nur darum handelt, früher oder später in ein ge- nugsam mildes Winterquartier zu gelangen. Es weist derselbe denn auch nur in seinem anfänglichen Verlauf eine dem Frühlingszugc ähnliche Fluggeschwindigkeit auf; sobald aber die verschiedenen Arten in für sie so südliche Breiten gelangt sind , dass sie sich, ohne Gefahr, plötzlich vom Winter überrascht zu werden, eine kürzere oder längere Rast gestatten können , hört die Eile des wirklichen Zuges auf, und es tritt, bis Frost zur Weiterreise treibt, ein langsames, niedriges, in kurze Tagereisen getheiltes Weiter- rücken, oder zeitweiliges, gänzliches Stillelicgen ein, für eine grössere Zahl von Arten schon im mittleren, oder sogar nördlichen Deutschland. I^in sehr zutreffendes Beisjiiel für das Gesagte führt Naumann bei Besprechung des Ilerbstzuges der Kraniche an. Band IX, Seite 354.

74 Der Zug der Vögel.

Dass Vögel aber, ehe sie während der Herbstreise in für sie so südliche Breiten gelangen, oder bevor im Frühling die Brut- stätte erreicht ist, ihren Zug ohne sehr triftige störende Veran- lassung mehrere Tage und Nächte unterbrächen, wie wohl ange- nommen worden, widerspricht ebenfalls meinen langjährigen hier gesammelten Erfahrungen. Helgoland liegt in so glücklicher Mitte zwischen dem hohen Norden und dem mittleren Europa, zwischen dem Osten und Westen desselben, dass die überwiegend grössere Zahl der Myriaden hier zur Wahrnehmung kommender Wanderer noch in voller Hast des Zuges begriffen ist, aber keiner von diesen während der regelmässigen Zugzeit Vorkommenden verweilt länger als höchstens den Rest desjenigen Tages, vor, während oder nach dessen Morgendämmerung sie hier eingetroffen sind. Nach einer durchflogenen Nacht ist der längere oder jiiirzere Theil des darauf- folgenden Tages auch vollkommen genügend für die etwa nöthige Erholung und Nahrungsaufnahme; eine wirkliche Ermüdung oder gar Erschöpfung, wie man wohl von den Schnepfen Helgolands gefabelt, habe ich von Vögeln, die auf ihrem Zuge hier während des Tages oder der Nacht eingetroffen, niemals bemerkt, man wollte denn drei vereinzelt dastehende interessante Fälle hieherziehen, in welchen ich kleine Landvögel, ungefähr eine halbe Meile von Helgoland entfernt, auf dem Meere ausruhend, angetroffen habe.

Für manche Drosseln, Lerchen, Ammern, Finken, Strandläufer und andere aus dem Norden kommende Vögel tritt die oben erwähnte Unterbrechung des Herbstzuges, theilweis auch sein Ab- schluss, schon im mittleren und oberen Deutschland ein ; auf dem rauhen Helgoland verbleiben von solchen aber nur sehr wenige. Kaum sind dies jemals andere als Felsenpieper, Schneeammern, San- derlinge, Meer- und Alpenstrandläufer, seltener noch einige Lerchen, Kohlmeisen oder Buchfinken. Wachholder- und namentlich Schwarz- drosseln treiben sich auch öfter im Laufe des Winters wochenlang hier umher, diese sind aber keine ihre Wanderung hier zum Ab- schluss bringende Vögel, sondern durch Frost und Schnee aus Skandinavien vertriebene Individuen, von denen die alten männ- lichen Schwarzdrosseln beim Eintritt milderen Wetters sofort wieder nördlich gehen.

Von allen diesen Arten kann man aber kaum sagen, dass sie beabsichtigten, hier zu überwintern; der Felsenpieper und Meer- strandläufer wären die einzigen, von denen sich dies annehmen Hesse, denn sie sind ohne Unterbrechung den ganzen Winter hier vertreten, ob jedoch von Letzteren immer dieselben Individuen hier

Schnelligkeit des Wanderflugs. 75

verbleiben, oder ob einige von ihnen weiter gehen und durch an- dere ersetzt werden, ist nicht zu bestimmen. Der Felsenpieper dürfte aber wohl sicherlich ausharren. Ein einziges Vögelchen bleibt jedoch in einem oder ein paar Exemplaren getreulich den ganzen Winter hier, selbst wenn dieser zeitweilig sehr strenge wird : der winzige, muntere Zaunkönig. Die Höhlen und Grotten am Fusse des Felsens bieten ihm Schutz, und wahrscheinlich auch Nahrung in Fülle, denn er erscheint bei dichtem Schneegestöber wie bei heiterem Sonnenschein in stets gleich guter Laune.

Während des Frühlingszuges verweilt ohne besondere aus- nahmsweise Veranlassung keiner der zahllosen Wanderer hier länger als die wenigen, weiter zurück angegebenen Stunden; alle streben in rastloser Eile der heimathlichen Brutstätte zu. Manche, wie z. B. die verschiedenen gelben Schafstelzen, verbleiben nicht einmal bis zum Schluss des Tages, während dessen Morgenfrühe sie ankommen, sondern ziehen um die Mitte des Vormittags schon wieder weiter.

Wie lange oder wie hoch nordwärts dieser rastlose Zug an- dauert, ist aus den Erscheinungen, wie sie hier zur Anschauung kommen, nicht zu ermessen; alle diese Wanderer drängen aber sicherlich so lange vorwärts, als meteorologische Einflüsse ihnen dies nicht wehren, und keiner von ihnen würde, ungezwungen, vor Erreichung der Niststätte seinen Zug auf längere Zeit unterbrechen. Dass jedoch alle sehr hoch nördlich brütenden Arten oft kurz vor Beendigung des Frühlingszuges noch einige Zeit aufgehalten werden können, beweisen die interessanten Beobachtungen See- bohm's an der Mündung der Petschora und des Jenisei, nach welchen mit dem Schwinden des Winters und dem Aufbruch der gewaltigen Eisfelder jener Ströme, zugleich auch unzählbare Schwärme von Land- und Wasservögeln in buntem Chaos die Luft erfüllen. Wie nach dem ersten grossen Abschnitt des Herbst- zuges die Eile vieler der Wanderer sich ermässigt, bis Winterkälte zur Weiterreise treibt, so ist es hier entgegengesetzt der Einfluss des noch nicht gewichenen Winters, welcher ein langsameres Vor- rücken oder kurzes Stillliegen noch kurz vor Erreichung der Heimath veranlasst. Bis zum Eintritt des einen oder andern derartigen Momentes nimmt aber der Zug in der bei der Krähe, dem Blau- kehlchcn und dem Virginischen Regenpfeifer nachgewiesenen Schnelligkeit seinen Verlauf allerdings ist diese bei Letzterem eine so bedeutende, dass man nicht umhin kann, anzunehmen, dass zur Ermöglichung derselben noch andere Factorcn mitwirken müssen.

']6 Der Zug der Vögel.

als die mechanischen Bewegungswerkzeuge, mit denen die Vögel ausgestattet sind.

Bei Behandlung der Höhe des Wanderfluges ist ausführlicher darauf eingegangen, dass die Vögel, abweichend von allen anderen warmblütigen Geschöpfen, mit einem Respirationsmechanismus be- gabt sind, welcher sie befähigt, in den so dünnen und sauerstoff- armen Luftschichten von Höhen bis zu 400Cmd Fuss andauernd verweilen zu können, und dass sie ferner ausgestattet seien mit einem sehr umfangreichen System von Luftsäcken, die sie beliebig zu füllen und zu entleeren vermögen. Diese Eigenschaften haben weder vereinzelt, noch in ihrer Zusammenwirkung für den Vogel während seiner alltäglichen Lebensthätigkeit einen irgendwie er- sichtlichen Nutzen, gleichwohl können ihnen dieselben nicht zweck- los beigegeben sein; solcher Zweck aber^t einzig und allein in der Ermöglichung der wahrhaft wunderbaren Wanderflüge zu finden, wunderbar sowohl hinsichtlich der Höhe, in welcher sie stattfinden, als auch der Schnelligkeit, unter welcher sie sich vollziehen. Wären die Vögel während der Herbst- und Frühjahrszüge an die- selben niederen Luftschichten gebunden, in welchen sie sich das ganze Jahr hindurch bewegen, so würde für solche von ihnen, die ihre Reise früh im Jahr oder im Spätherbst zu machen haben, in vielen Fällen die Zugperiode verstreichen, ohne dass sie in Folge stürmischer Witterung auch nur zum Aufbruch gekommen wären; um sich solchen störenden Einwirkungen der wechselvollen niederen Luftschichten zu entziehen, steigen die Vögel in die höheren auf, welche sich im allgemeinen in einem gleichmässigen, weniger ge- waltsamen Störungen unterworfenen Zustande befinden, gelangen aber dadurch auch zu Höhen, in denen die Geringfügigkeit des Widerstandes der so wenig dichten Luft nicht nur die erstaunliche Schnelligkeit des Fluges möglich macht, sondern es wird durch diese Letztere auch der Neigung zum Sinken entgegengewirkt, in- dem eine geringe Hebung des vorderen Randes der horizontalen Flügelfläche für diesen Zweck vollkommen hinreicht.

Die nachgewiesene Schnelligkeit des Wanderfluges wird durch diese Ueberlegungen nicht nur dem Verständniss näher gerückt, sondern es darf auch wohl als erwiesen gelten : dass die Wander- flüge einzig und allein unter den Bedingungen möglich sind, welche nur jene der Erdoberfläche so weit entrückten Pfade darbieten.

V. Meteorolomsche Beeinflussuni^en des Zuges.

IE Meteorologischen Beeinflussungen des Vogelzuges, wenn zur Zeit auch noch äusserst wenig verstanden, sind jedenfalls so bedeutende, dass, wenn die in den vorhergehenden Abschnitten wiederholt gemachten Hin- deutungen auf dieselben hier nochmals zusammengefasst und ein- gehender behandelt werden, dies nicht überflüssig sein dürfte, wäre es auch nur, um zu veranlassen, dass dem Gegenstande eine allge- meinere Aufmerksamkeit zugewendet würde.

Wie weiter oben schon betont, sind es fast ausschliesslich die in den Zug störend eingreifenden Witterungszustände, welche das, was während seiner periodischen Wiederholungen zur Beobachtung kommt, in den Bereich unserer Wahrnehmung bringen ; der nor- male Zug der Vögel, sehr vereinzelte Ausnahmen abgerechnet, ver- läuft weit jenseits der Grenzen unseres Seh- und Hörvermögens, und nur, wenn er dort störend beeinflusst wird, tritt derselbe in unsern Beobachtungskreis.

Nicht allein die Richtung oder Stärke des Windes ist für den Wanderzug maassgebend, sondern der geringere oder grössere Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre, dessen Gestaltung als Nebel, als lose oder geballte Wolken, als gleichmässig dichte Dunst- erfüllung des Firmaments, als Thau oder Reif bei klarer Luft, oder als elektrisch geladene Gewitterwolke, all und jede dieser meteorologischen Phasen üben einen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Zuges aus. Dies findet eine allgemeine Bestätigung schon in der einfachen Thatsache, dass, während bei bestimmten Windrichtungen die V()gel sehr zahlreich erscheinen, dieselben während anderer gar nicht gesehen werden. Letzteres z. B. bei südwestlichen, meist von Regen begleiteten Winden, sowie auch bei Nebel, möge die Windrichtung während desselben sein welche

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sie wolle. Nach dem Grade des Vorherrschens solcher Witterung während der jeweiligen Zugperioden ist unabweislich der Umfang des Erscheinens der Vögel bemessen, und sollten die Herbst- oder Frühlingsmonate von derselben vollständig ausgefüllt werden, so darf man auch nicht darauf rechnen, Schnepfen, Drosseln oder irgend welche andere gewöhnliche oder ungewöhnliche Vogelarten zu sehen. Mögen die Züge der Vögel nun aber zu unserer Wahr- nehmung gelangen oder nicht , dieselben verlaufen unter allen Umständen regelrecht während des einer jeden Art eigenthümlichen Zeitabschnittes. Solches bestätigt die Thatsache, dass, wenn dieser Zeitabschnitt für eine Art verflossen ist, kein Individuum derselben mehr gesehen wird, selbst wenn auch sofort sich das günstigste Wetter für das Erscheinen derselben einstellen sollte.

Anscheinend kommen allerdings manchmal Verzögerungen in dem Zuge dieser oder jener Art vor, aber eben nur anscheinend, denn die Annahme einer derartigen Verspätung beruht auf irrthüm- licher Deutung des Gesehenen. Sollte z. B. im Frühjahr die erste Hälfte der Zugzeit einer Art verstreichen, ohne dass diese sich zeigt, hierauf aber das Wetter sich günstig für das Erscheinen derselben gestalten, so wird dieselbe sofort auch auftreten. Sehr leicht könnte bei oberflächlicher Beobachtung eines solchen ver- späteten Erscheinens die Vermuthung entstehen, dass der Zug der fraglichen Art erst jetzt beginne, und nur durch ungünstiges Wetter so lange verzögert worden sei; diese Folgerung wäre jedoch un- richtig, denn es bestehen in einem solchen Falle nicht, wie es sein müsste, wenn man wirklich den Anfang des Frühlingszuges der Art vor sich hätte, die einzelnen Individuen aus schönen alten Männchen, sondern es erscheinen nur noch zerstreut jüngere Männ- chen und der Mehrzahl nach weibliche Vögel. Dies beweist nun aber, dass die alten Männchen, als Eröffner des Frühlingszuges, längst ungestört und demnach ungesehen, zu ihren Brutstätten gelangt sind, und dass die anscheinend verspätet eintrefi"enden, für die Vorhut des Zuges gehaltenen Individuen, in der That nicht diese, sondern die zweite Sektion der Zugbewegung der fraglichen Art bilden. Genügende Bestätigung des Gesagten liefert fast alljährlich eine oder die andere der nach Alter und Geschlecht mehr oder weniger abweichend gefärbten Arten, keine aber klarer ausgesprochen, als das schon so oft herangezogene nordische Blau- kehlchen.

In dem Abschnitte über die Höhe des Wanderfluges ist schon, unter kurzer Erwähnung des nächtlichen Lerchenfanges, darauf

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hingewiesen, von wie anscheinend unbedeutenden Veränderungen der momentanen Beschaffenheit der Atmosphäre die geringere oder grössere Erhebung der Zugbewegung abhängig sei, so dass, wenn auch normal die Züge der meisten Arten in wenigstens 20000 Fuss Höhe verlaufen, dieselben, wenn dort unmöglich werdend, nicht sofort als unterbrochen zu gelten haben, sondern dass die Vögel, wenn sie gezwungen werden, die höchsten Grenzen ihres Wandergebietes zu verlassen, sich nur so weit senken, bis sie in eine Luftschicht ge- langen, welche ihnen die erwünschte Strömung, der Richtung wie Stärke nach, darbietet, und nur, wenn sie keine solche auffinden, zur Erde herabsteigen.

Wie sehr verschieden nun aber zur gleichen Zeit diese Luft- strömungen in graduell zunehmender Höhe sind , davon hat man hier auf der kleinen Insel, wo stets das ganze Himmelsgewölbe dem Blicke freiliegt, fast täglich die schlagendsten Beweise. Es kommt nicht allein häufig vor, dass schon die kaum tausend Fuss hohen losen nebelartigen Wolkenbildungen in ihrem Zuge von der über die Meeresfläche streichenden Windrichtung bedeutend abweichen, sondern auch, dass zwischen diesen niedrigen Dunstfetzen und den ungemessen hohen Cirrusstreifen nicht selten noch zwei Wolken- schichten in von einander abweichenden Richtungen ziehen, so dass sehr häufig die obersten Wolken sich vollständig entgegengesetzt zu der über die Erdoberfläche hinstreichenden Luftströmung bewegen.

Die Vögel wählen für ihre Züge natürlich diejenigen Luft- schichten, welche ihnen die günstigsten Bedingungen für dieselben darbieten. Eine eigenthümliche Thatsache ist es nun aber, dass während beider Zugperioden des Jahres alle Arten ohne Ausnahme am zahlreichsten sich der Erdoberfläche nähern, wenn ganz schwache südöstliche Winde , begleitet von klarem warmen Wetter dauernd in der niedrigen Atmosphäre vorherrschen. Bringt der Herbst an- haltend derartige Witterung , ' so ist während des September und Oktober nicht allein auf zahlreiches Erscheinen aller gewöhnlichen Gäste zu rechnen, sondern auch mit grösster Sicherheit auf ein häufiges Auftreten der für Europa selteneren, fern ostasiatischen Arten, wie Sy/i'ia supcrciliosa , tristis und andere Sibirische Laub- vögel , AntJius Ricliardi , Eviberiza rnstica und pusilla , tausendc Alaiida alpestris und dergleichen mehr; von Mitte Oktober und während des November würden dann Strix Tenginalmi, Dompfaften, Pyrrluila major, Leinzeisige, Fringilla linaria und exilipcs zu er- warten sein. Es möge erwähnt werden, dass Eichelhäher, welche für Helgoland eine äusserst seltene Erscheinung, zwar cuich in Fulge

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lang anhaltenden Südost -Windes hier in grossen Schaaren vorge- kommen sind, aber stets nur, wenn derselbe zu bedeutender Heftigkeit ausgeartet war und sich mehr nach Osten neigte.

Wie auffallend es nun schon erscheinen mag, dass ein und die- selbe Windrichtung, begleitet von gleichen sonstigen atmosphärischen Faktoren, den Herbstzug der Wanderer aus dem fernsten östlichen Asien sowohl, wie aus dem hohen Norden Skandinaviens gleich- massig zu beeinflussen vermag, so überrascht es um so mehr, wenn man sieht , dass auch während des Rückzuges im Frühjahr , vom tiefen Süden und fernen Westen her, die Vögel unter denselben atmosphärischen Verhältnissen in den Bereich unserer Wahrnehmung gelangen ; hiervon machen sogar die selteneren ungewöhnlichen Er- scheinungen aus fern südöstlichen Strichen, Kleinasien, Arabien und dem Caspischen Meergebiet, keine Ausnahme, obzwar dieser Weg dem der von Westen her kommenden Wanderer fast entgegen führt.

Alle diese Thatsachen ergeben , dass den Vögeln die be- sprochenen Witterungszustände am tauglichsten für ihre Wande- rungen sein müssen , und sie sich in diejenigen Luftschichten be- geben, welche ihnen solche darbieten. Aus dem so seltenen Vor- kommen eines massenhaften niedrigen Zuges was gleichbedeutend ist mit überwiegend häufigem Verlauf desselben in Erhebungen, die über das menschliche Wahrnehmungsvermögen hinaus liegen ist sonach nur zu folgern, dass eben jene hohen Regionen der Atmosphäre die erforderlichen Bedingungen vorherrschend darbieten : dass nämlich daselbst ein Zustand grosser Ruhe, verbunden mit sehr geringem Feuchtigkeitsgehalt dominirt. Diese Vermuthung findet denn auch eine Stütze in der so äusserst schwer wahrnehm- baren Orts- und Formveränderung der höchsten Cirrusstreifen, welcher geringe Wandel keineswegs in Folge der ungeheuren Ent- fernung dieser leichten Dunstgebilde ein etwa nur scheinbarer ist, denn angenommen, der Abstand dieser Cirri sei zwei geographische Meilen, so ist die Bewegung eines Dampfschifi"es von etwa drei Meilen Fahrt in der Stunde, in einer gleichen Entfernung eine auf- fallend grosse, wenn verglichen mit der kaum wahrnehmbaren Be- wegung jener Wolkenstreifen.

Ein Suchen aufs Gerathewohl der Vögel nach den ihrem Zuge günstigen Luftschichten ist bei der Eile und Sicherheit, mit welcher alle Zugerscheinungen von statten gehen, nicht wohl zulässig, sondern es ist nur anzunehmen, dass denselben ein in sehr hohem Grade aus- gebildetes Vorgefühl oder eine Empfindung für ferne und noch kommende Witterungsphasen innewohnt, zu welcher Vermuthung

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denn auch schon die grosse Unruhe hindrängt, welche gefangene Vögel durch Flattern und häufiges Ausstossen ihres Lockrufes im Laufe solcher Tage bekunden, die ausgedehnten nächtlichen Wander- zügen vorangehen. So ein Schneeammer, den ich jahrelang im Bauer gehabt , und Lerchen , welche im hiesigen Leuchtthurm gehalten wurden ; diese letzteren zeigten regelmässig während des Tages den bevorstehenden nächtlichen Fang an.

Die Sensibilität der Vögel für die ersten schwachen Andeu- tungen einer atmosphärischen Wandlung muss wenigstens eine gleich grosse, wie die eines guten Barometers sein; zugleich darf aber nicht auser Acht gelassen werden, dass die Vögel in ihren hohen Zugregionen den geringsten Vorboten eines herannahenden Witte- rungswechsels schon dann unmittelbar unterworfen sind, wenn auf der Erdoberfläche von der kommenden Veränderung noch nichts wahrgenommen werden dürfte, wo die frühesten Andeutungen der- selben sich etwa erst vierundzwanzig Stunden später bemerkbar machen.

Es unterliegt nämlich wohl kaum einem Zweifel, dass die Ur- sprünge von Witterungswechseln in den höchsten Schichten der Atmosphäre zu suchen sind, jedenfalls geht aus den Beobachtungen hervor, dass die ersten Anzeichen einer Windesänderung sich am frühesten an den höchsten Cirrusstreifen bemerkbar machen , und dass die successive tieferen Dunstschichten nach und nach in senk- rechter Reihenfolge davon beeinflusst werden. So bewegen sich z. B. oft bei schwachen östlichen und südöstlichen Winden und klarem schönem Wetter die höchsten dünnen Cirrusschichten schon tagelang fast unmerklich von West nach Ost, oder es steigen ganz schwache Dunststreifen am westlichen Horizont auf, die während der ersten vierundzwanzig Stunden, unter geringem Auffrischen des Ostwindes, etwa den Zenith erreichen, im Laufe der zweiten vier- undzwanzig Stunden auch die östliche Hälfte des Himmels ganz langsam überziehen, und von da ab, unter Steigerung des östlichen Windes zur grcissten Heftigkeit, zu einem das ganze Firmament gleichmässig überspannenden hohen dichten Dunstgewölbe an- wachsen; diesem folgen sodann, ebenfalls von Westen her, schon mehr Form annehmende tiefere Wolkenbildungen, mit denen unter Eintritt von Regen der Westwind dann auch meist sehr bald auf der Erdoberfläche die Oberhand gewinnt so wenigstens hier nach jahrelangen sorgfältigen Beobachtungen.

Im Verlaufe eines solchen Prozesses geht das anfänglich, unter schwachen südöstlichen Winden, sehr zahlreiche tiefe Auftreten der

Gatke, VogLiwartc. a. Avill. (j

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Wanderer nach und nach in einen höheren , auffallend eilfertigen Zug über, im Verlaufe dessen sich nur noch wenige Vögel während der Morgenstunden niederlassen, bald aber wieder weiter eilen, so dass nach dem wirklichen Durchbruch des westlichen Regenwetters kein Vogel mehr gesehen wird.

Ein Beispiel derartiger Zugerscheinungen fand unter Anderem im Oktober 1882 statt. Von der ersten Woche des Monats bis zum 22. herrschten südöstliche Winde vor, die öfter sehr stark wurden und dann von niedrigen losen jagenden Wolken begleitet waren. Es fand während dieser ganzen Zeit massenhafter Zug statt: man hörte die Locktöne der Wanderer im Verlaufe der Nächte, und sah dieselben täglich, namentlich während der Früh- und Vormittagsstunden, sehr hoch überhin eilen, aber nur äusserst wenige derselben Hessen sich nieder.

Während dieser Zeit bewegten sich die mittelhohen Wolken- bildungen von Süd -Süd -Ost und Süd, ganz hoch war die Atmo- sphäre leider klar, aber unzweifelhaft waren die Luftströmungen dort wenigstens südwestlich, so noch am Abend des 21. Früh am 22. zogen einige kleine sehr hohe Wolken, nicht Cirri, schon rasch von West-Süd -West, während die tieferen losen dunstigen Wolken immer noch vor einem sehr heftigen Südostwinde dahinjagten. Zu gleicher Zeit zeigte die Seewarte als Sturmwarnung tiefe Depression westlich von den Hebriden an. Während der Vormittagsstunden dieses Tages fand noch sehr starker und äusserst eiliger Zug statt, die Vögel stürmten förmlich überhin und keiner Hess sich mehr nieder ; am Mittag hörte der Zug gänzlich auf. Unter starkem Regen neigte der heftige Wind westlich und brach um Mitternacht mit gewaltiger Kraft Südwest und west durch, begleitet während der Nacht von sehr starkem Wetterleuchten. Am 23. weheten stür- mische Westwinde, begleitet von schweren Regenwolken, und kein Vogel ward gesehen.

Die Vögel, welche während der letzten Zeit so massenhaft und in so ungewöhnlicher Eile hier vorbei und überhin zogen , waren, wie die Bewegung der hohen Wolkenschichten bekundete, aus ihren normalen Zugregionen durch widerwärtige Westwinde verdrängt worden, ob nun , als der heftige Westwind die Erdoberfläche er- reichte und in Folge dessen auch hier der Zug gänzlich erlosch, derselbe seinen Fortgang in höheren, derzeit vielleicht wieder ruhigen Luftschichten genommen, ist freilich nicht nachzuweisen, aber ver- muthlich ist es so geschehen, denn als am darauffolgenden Tage, den 24. , der schwach gewordene Westwind nach Mittag sich in

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einen starken Süd -Süd -Ost umzuwandeln anfing, wurden sofort wieder Massen aller Arten von Vögeln sichtbar; die Eile dieser Schaaren war aber eine so grosse , dass ich dieselbe in meinem Journal mit »überhinstürzend« bezeichnete, und Hess vermuthen, dass das Wetter sich noch nicht zum Bessern wenden würde. Im Laufe der Nacht wechselte der Wind denn auch wieder zu Süd- west , und artete nach Mitternacht in einen Sturm aus , der um 3 Uhr Morgens am 25. eine nur selten vorkommende Gewalt er- reichte. Ein Vorgefühl auch dieses Sturmes trieb offenbar die Vögel tageszuvor schon zu so ganz ungewöhnlicher Hast an, wie dies gleichfalls ein oder mehrere Tage vor dem schlechten Wetter der Nacht des 22. stattgefunden hatte; ob dies Vorgefühl sich noch weiter zurück erstreckt haben mag, wage ich nicht zu entscheiden, Thatsache ist jedoch , dass schon von Mitte des Monats an der Zug der Vögel in einer höchst auftallenden Eile von statten ging, dass z. B. Krähen, die nur während der Tageshelle ziehen, und auf ihrer Herbstreise nie später als etwa zwei Uhr Nachmittags Helgoland passiren, um spätestens um fünf mit dem letzten Tages- licht die englische Küste zu erreichen, während dieser Zeit oft noch so spät am Nachmittag vorbeizogen , dass sie die englische Küste nicht vor 7 oder 8 Uhr Abends , also in vollständiger Dunkelkeit erreichen konnten.

Als am 22. früh der tiefe Barometerstand westlich von den Hebriden , also etwa hundertfünfzig geographische Meilen westlich von Helgoland , die herannahenden Stürme verkündete , befanden sich die Schaaren der mit so ungewöhnlicher Hast am Mittag dieses Tages hier eintreffenden und vorbeieilenden Wanderer noch wenig- stens eben so fern östlich von hier, also über dreihundert Meilen ent- fernt von dem Bereich, in welchem zu derselben Zeit die ersten Anzeichen der kommenden gewaltigen Störungen der Atmosphäre sich bemerkbar machten, und dennoch bekundete das ganze Ge- bahrcn sämmtlicher Individuen der in so grossen Massen vorbei- ziehenden Arten, dass allen eine sichere Vorausempfindung der herannahenden Stürme innewohne , und alle bestrebt waren , ihr Tagesziel noch vor Ausbruch derselben zu erreichen.

Wenn nun in dem vorhergehenden Beispiel die Vögel dem kommenden bösen Wetter, von welchem sie schon die Vorboten in ihren hohen Zugregionen empfanden, eilig entgegen zogen, um wie es scheint, durch verdojjpelte Anstrengung noch rechtzeitig einen sicheren Ruheplatz zu erlangen, so kommen andererseits auch iiäufig Fälle vor, in welchen sie, unter dem Vorgefühl lui annahender

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widerwärtiger Witterung derselben vorauszugehen scheinen. Hier- her gehören die lange nach Ablauf der normalen Zugzeit während der Nächte der ersten Wintermonate plötzlich auftretenden unge- heuren Massen von Lerchen, Goldregenpfeifern, Kibitzen, grossen Brachvögeln und Alpenstrandläufern ; in weniger grosser Zahl Kram- metsvögel und in noch geringerer Schwarzdrosseln. Solchen Zügen folgt fast ausnahmslos schwerer Schneefall und Kälte. Wenn dann etwa vierundzwanzig Stunden nach einem derartigen abnormen Nachtzuge dickes Schneegestöber und Frost eintritt, so sagt der Helgoländer Vogelsteller : ja, die Vögel ! das haben sie wieder ganz gut vorher gewusst ! Möglicher Weise könnten aber auch die Futterplätze der Vögel in den Strichen, wo sie, im Vertrauen, da- selbst überwintern zu können, zurückgeblieben, plötzlich von Schnee bedeckt worden sein, und die Vögel in diesem Falle, wirklich durch unmittelbaren Nahrungsmangel bedrängt, ihr Heil in der Flucht auf dem regelmässigen ost-westlichen Herbstwege gesucht haben, während der Winter auf langsameren Schwingen ihnen nachfolgte. Aus- geschlossen ist jedoch keineswegs, und dies dürfte der Wahrheit wohl viel näher liegen, dass auch diese Vogelschaaren durch eine Vorempfindung des herannahenden Wetters zu zeitiger Abreise veranlasst wurden. Noth haben solche Spätlinge jedenfalls noch nicht gelitten , das beweist ihre stets sehr feiste Körperbe- schaffenheit.

Fälle solcher Art finden vorherrschend Ende December und Anfang Januar statt; z. B. wurde in der Nacht vom 23. zum 24. December 1880 bei schwachem Westwinde und milder Tem- peratur ein derartiger plötzlicher, massenhafter Zug von Lerchen, Goldregenpfeifern, Brachvögeln und Strandläufern beobachtet, wor- auf am 15. Nordwest mit Hagel und Schnee eintrat, der während der nächsten Tage zu stürmischem Südost mit Schneegestöber über- ging. Der Nordwest würde diese Vögel nicht zum Verlassen ihres zeitweiligen Aufenthaltes bewegt haben, dies konnte nur in der Vorempfindung des herannahenden winterlichen Südost mit Schnee- gestöber geschehen sein. Dieser Zug kam offenbar von Osten her, in der Richtung also, aus welcher das Winterwetter stets hierher gelangt, denn er war von Pyrrhula vulgaris begleitet, die hier nur sehr selten vorkommt, und dies überhaupt nur, wenn starker Zug aus östlichen Strichen stattfindet. Solche dem Winterwetter voran- gehende Spätzüge bestehen fast immer nur aus ganz alten Indivi- duen, meist Männchen ; so waren etwa hundert Lerchen, die ich während dieser Nacht erhielt, fast alle auffallend grosse Männchen,

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welche mit wenigen Ausnahmen 193 mm von der Stirn zur Schwanz- spitze maassen Naumann giebt als grösste Länge 177 mm an. Schwarzdrosseln , die unter solchen Umständen erscheinen , sind fast ohne Ausnahme schwarze Vögel mit orange Schnäbeln , also alte Männchen.

Derartige verspätete Nachtzüge , während welcher die Vogel- schaaren dem herannahenden Winterwetter vorausgehen , treten immerhin noch mit einer gewissen Regelmässigkeit auf wenn dies auch nicht in jedem Jahre mit gleicher Grossartigkeit statt- findet. Anders ist es mit einer der obigen ähnlichen Erscheinung, die jedoch zu den viel seltneren gehört und kaum jemals vor dem Februar eintritt. Diese besteht ebenfalls in einem plötzlichen Auf- treten ungeheurer Schaaren von Wanderern, hauptsächlich Samen- fressern, die aber nicht vor dem Schneewetter, sondern während desselben, am Tage, und meist bei strenger Kälte eintreffen. Diese bestehen aus IMillionen von Lerchen, Berghänflingen, Bluthänflingen, Grünhänflingen, weniger zahlreichen Stieglitzen, Gold- und Garten- ammern ; in manchen Fällen sind denselben auch Schaaren von Bekassinen beigemischt, die wie Völker von Rebhühnern erschöpft umherfliegen. Diese alle kommen während der Früh- und Vor- mittagsstunden an , sie erscheinen , wenn meine Erinnerung nicht trügt , in etwas mehr nördlicher Richtung ; ihr Flug ist matt , sie sind alle sehr mager und anscheinend sehr hungrig, da sie sofort auf jeden schneefreien Grasstreifen und den Grünkohl der Gärten einfallen, wo sie mit aufgesträubtem Gefieder, alles unbedeckte Grün bepickend, kümmerlich umherlaufen. Wie ganz verschieden sind diese von den obigen , dem Wetter voranziehenden Schaaren. Während jene wohlgenährt, namentlich die Kibitze und Goldregen- pfeifer, in raschem kräftigen Fluge , ohne Rastbedürfniss vorbei- cilen, sind letztere offenbar durch Mangel in den dürftigsten Zustand gerathen. Warum dieselben nicht ebenfalls den warnenden Vor- boten des herannahenden Wetters gefolgt oder dem eintretenden Schneefall nicht sofort gewichen sind, hatte seinen Grund wohl darin, dass die Jahreszeit schon so weit vorgeschritten , dass bei diesen, in der Ileimath, oder in derselben nahen Strichen durch- winterten Stücken, das instinktive Gefühl für die allgemeine Noth- wendigkeit eines Ilerbstzuges schon fast vollständig erloschen war, und sie dem nur nf)ch schwachen Triebe widerstanden , bis die h()chste Noth sie zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen was dann naturgemäss in der Richtung des Herbstzuges ihrer Arten gesciiaii.

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Neben den genannten erscheinen in solchen Fällen oftmals noch andere Gäste, die vorherrschend immer nur während strenger Kälte in gesteigerter Zahl auftreten , nämlich Falco buteo , AntJnis ri/pestris, Tringa arenaria, maritima, weniger zahlreich islandica und merkwürdigerweise auch ein oder zwei Kornweihen. Ein der- artiger ausnahmsweiser Winterzug fand am 14. Februar 1876 wäh- rend eines tagelang andauernden starken Schneefalles statt ; und wiederum zu Anfang des Jahres 1881. Das Wetter war in diesem letzteren Falle bis Mitte Januar milde gewesen, das Thermometer sank dann vom 16. zum 22. bis auf lO*^ C, was für Helgoland ein ungewöhnlich bedeutender Kältegrad ist , da die umgebende See stets viel Wärme ausstrahlt, und am 17. traf ein Massenzug von Lerchen und Fringillen ein, denen sich in diesem Falle Berg- lerchen und Schneeammern beigesellten, 'S?)wie Felsenpieper in ganz ausserordentlich grosser Zahl nebst den genannten nordischen Strandläufer- Arten. Auch Sägetaucher, einige Albellus , sowie Schwäne und nordische Tauchenten stellten sich ein, welches alles Beweise dafür , dass der Winter irgendwo sehr energisch auf- getreten sei.

Noch einer dritten ähnlichen ausnahmsweisen Zugerscheinung ist zu gedenken, die ebenfalls durch plötzlich eintretendes Winter- wetter hervorgerufen wird , während welcher aber die schon in vollem Frühlingszuge begriffenen Vögel durch Frost und Schnee zu einer vollständig rückgängigen Bewegung auf ihrem Wege zur Niststätte veranlasst werden. Es ist dies jedenfalls eine viel über- raschendere Erscheinung, als die früher besprochenen wenn auch ausnahmsweisen , so doch immer noch in der normalen Richtung verlaufenden Zugbewegungen. Man hat in Folge dessen auch viel seltener Gelegenheit, einen derartigen wirklichen Rückzug zu beob- achten. Mir ist während meiner so langen Praxis in der That nur ein solcher höchst grossartiger Fall vorgekommen. Es war im März 1879 das Wetter war im Laufe der ersten Woche des Monats rauh und kalt gewesen , wenngleich die Temperatur auch stets über Null verblieb. Während der zweiten Woche fand starker Zug statt : Tiirdns merj^la und sogar miisic2ts waren ziemlich häufig ; Motacilla lugnbris zeigte sich und Acccntor moditlaris kam schon auffallend zahlreich , so auch Fringilla cannabina und montium. Vom II. bis 14. trat stürmischer Nordwest mit Schnee und Hagel ein, die Kälte sank einige Grad unter Null; vom 15. zum 16. brachte ganz schwacher Südwest Thauwetter, und im Laufe dieser Nacht ereignete sich, was ich in so schlagender Weise nie zuvor,

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noch seitdem wieder gesehen habe : die ganze Atmosphäre war buchstäbUch erfüUt von Hunderttausenden von Brachvögeln, Gold- regenpfeifern, Kibitzen, Bekassinen, Austernfischern und Strand- läufern, sowie Massen von Gänsen. Unbeschreiblich war das Chaos von Stimmen, welche durch die schwarze Nacht erschallten, ganz nah, fern und aus weitester Ferne. Namentlich war es der in der Finsterniss so laut und wild schallende tausendfältige Ruf des grossen Brachvogels, welcher der Scene ein fast schauerliches Ge- präge verlieh.

Die ganze Erscheinung in Verbindung mit dem plötzlichen Eintritt des milden, stillen Wetters konnte nur schliessen lassen, dass der Winter zu Ende, der Frühlingszug in seltener Gewalt zum Durchbruch gelangt sei, und die Vögel im fröhlichen Gedränge der Sommerheimath zueilten. Dem war jedoch nicht so; ein Blick auf die Flugrichtung der Schaaren zeigte zu grossem Erstaunen, dass Alles in wildester Hast von Ost nach West eilte, also der Nist- stätte den Rücken kehre. Ich muss bekennen, dass diese Wahr- nehmung mich im ersten Moment vollständig stutzen machte, denn, ich wiederhole es : der so ausserordentlich massenhafte Zug, ver- bunden mit der eingetretenen milden Witterung, konnte, in der Mitte des März, nur schliessen lassen, dass die nächsten Tage warm und begleitet von leichten südlichen Winden sein würden.

Dieser nach Mitternacht begonnene gewaltige Zug währte bis zum Morgen, Kibitze setzten denselben in grosser Zahl noch den ganzen Vormittag fort, gleichfalls eilten einige während der Früh- stunden eingetroffene Schnepfen und Schwarzdrosseln unverzüglich weiter. Die wenigen Kibitze, welche sich niederliessen, liefen kümmerlich, wie halb erfroren und verhungert, umher. Die nächsten Tage sollten denn auch des Räthsels Lösung bringen: der Winter war zurück gekehrt mit stürmischem Nordost, Frost und Schnee, östliche Winde hielten an l)is zum 28., manchmal bis zum Sturm ausartend, von Schnee und Frost begleitet. Am 29. und den darauf folgenden Tagen ward der Wind südlich, die Luft war bedeckt, milde, und etwas leichter Regen fiel; nun begann der Frühlingszug allen lunstes : in grossen Schaaren zog Corrus coniix mit vielem Geschrei den ganzen Tag bis spät am Nachmittag hoch Überhin ; es zogen während der Nacht des 30., wie mein Journal sich ausdrückt, «Millionen« Charadrien tAXcx Kx\.,Nu)ncnius arqiiatns, Tringa alpina und dergleichen. Am darauffolgenden Tage erschieiun Rothkehlchen , Goldhähnchen, Pieper, Bachstelzen, Braunellen und Steinschmätzer, ja ein Blaukehlchen, Sylvia W'o/Jii, ein schönes

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altes Männchen, erhielt ich, und von da an nahm der Zug in ge- wohnter Weise seinen ungestörten Verlauf.

Die bisher besprochenen Witterungszustände beeinflussen den Zug allerdings in hohem Grade, lassen denselben jedoch immer noch zu, wenn auch in von der Regel abweichenden Formen. Die nun zu berührenden Momente aber sind thatsächlich die schlimmsten Feinde der hiesigen Jäger und Vogelsteller, denn entweder ver- hindern sie vollständig all und jeden Zug, oder machen durch ihr Auftreten demselben sofort ein Ende.

Hierher gehört in erster Linie der Nebel; während desselben wird kein Vogel hier sichtbar. Bei seinem Eintreten erhebt der Zug sofort sich zu klaren Luftschichten, und wer etwa an Wanderern auf der Insel sich aufhält, zieht bei seinem Herannahen unverzüglich davon; sollten dennoch einige Schnepfen— angetroffen werden, so sind dieselben so scheu und wild, dass es kaum möglich ist, zum Schuss zu gelangen.

Oft ist im Frühjahr während der Morgenstunden und am Vor- mittag das günstigste Wetter für den Zug, aber kein Vogel erscheint; man kennt dies hier so gut, dass jeder Jäger sofort sagt : irgendwo muss wieder Nebel stecken. Unfehlbar zeigt denn auch später der telegraphische Witterungsbericht von den nahen Küstenländern entweder daselbst herrschenden Nebel an, oder solcher tritt im Laufe des Tages in Wirklichkeit hier ein. So unter anderm am lo. März 1880: Wind Süd, schwach, klar, warm; unter solchen Bedingungen hätte Zug stattfinden müssen, aber mein Journal sagt: »Nichts muss Reif oder Nebel irgendwo sein,« fortfahrend: 5 Uhr Nachmittags Nordost und Ostnordost, Nebel. Derartige Auszüge könnte ich Hunderte geben, es mögen nur noch ein oder zwei folgen, welche beweisen, dass der Zug durch den Nebel nicht immer ganz aufgehoben wird, sondern in vielen Fällen nur in grösserer Erhebung verläuft. Es war z. B. am 9. Februar 1878 dicker Nebel von i Uhr Nachts bis 7.30 Abends; am Mittag des Tages ward es jedoch auf kurze Zeit klar, und sofort sah man Lerchen in grossen Schaaren in der Richtung ihres Frühlingszuges ostwärts überhinziehen. Vom 3. April 1880 sagt mein Tagebuch: Wind Südost, schwach, Nebel, Regen Nichts; in der Nacht von 12 bis 3 Uhr der Nebel verzogen, und während dieser Zeit ungeheure Massen von Drosseln, Steinschmätzern, Staaren, Goldregenpfeifern, Kibitzen, Austernfischern und Strand- läufern; darauf wieder Nebel, und kein Vogel mehr beim Leucht- feuer gesehen noch gehört. Im Monat April hätte bei leichten

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Südost-Winden und etwas Regen starker Zug stattfinden müssen, und nur der Eintritt von Nebel konnte ihn über seine zeitweilige Erhebung hinaus verdrängen. Der Nebel erfüllt die Atmosphäre oft nur zu einer so geringen Höhe, dass man die tausendfältigen Locktöne der darüberhin ziehenden Lerchen ganz deutlich ver- nehmen kann, ja manchmal steht man hier auf dem zweihundert Fuss hohen Felsen in ganz klarer wolkenloser Luft und blickt bis zum fernen Horizont auf eine ununterbrochene wallende Nebel- masse hinab, die gleichmässig das ganze weite Meer bedeckt.

Thau und Reif, w^elche beide in ihrem Entstehen wohl auf dieselben Grundursachen zurück zu führen sind, äussern sich in ihrer Beeinflussung des Vogelzuges ebenfalls auf ganz gleiche Weise. Beide sind regelmässig begleitet von sonst für den Zug höchst günstigen Witterungsbedingungen, und dennoch ist bei der »prachtvollsten Gelegenheit« wie der Helgoländer es nennt, kein Vogel in den Frühstunden sichtbar, wenn es während der Nacht gethaut oder gereift hat. Beide Phänomene treten fast immer nur mit gutem Wetter, d. h. mit stiller klarer Luft und schwachen östlichen oder südöstlichen Winden auf, so dass man hier dieselben als die Verkünder und Erhalter schönen Wetters ansieht, was kann also in ihnen so Widerwärtiges für die Vögel liegen.^ Auch sogar die Nachtschmetterlinge schwärmen und ziehen nicht an an- derweitig günstigen, aber von Thau begleiteten Sommerabonden, während sie doch einem leichten warmen Regen durchaus nicht sofort zu weichen geneigt sind.

Ist jedoch während der Vormittagsstunden des März oder An- fang April der Reif der Sonne gewichen, so kommen fast regel- mässig noch Schwarzdrosseln und Schnepfen, wie aus der Luft herabgefallen, an; so z. B. am 2. März 1883; der Morgen war klar, schön und fast ganz still, ein kaum wahrnehmbarer Luftzug von Nord und Nord-Nord-Ost, aber starker Reif; ohne letzteren wären in der Frühe unfehlbar Schwarzdrosseln und Schnepfen da gewesen, aber nicht ein Vogel war sichtbar; im Laufe des Vormittags je- doch und während des Tages kamen noch mehrere Schnepfen und Schwarzdrosseln an, auch zogen Krähen überhin.

Am 21. und 22. März 1880 war der Wind Ost, die Luft heiter Reif, -Gar nichts«; am 23. Südo.st, still, klar, Reif Nichts, ausser wenigen Krähen und einigen I'^ringillon; am 24. Südost, Vormittags imd später Krähen, Saatraben und Dohlen, wilde Tauben, ein Paar Bachstelzen und Goldammern. Während all dieser Tage keine Schwarzdrosseln und keim' Schnciifcn, und doch war die Witte-

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rung derartig, dass beide Arten, sowie noch manche andere zahl- reich vertreten gewesen wären, hätte der Reif dies nicht verhindert. Den 26., 27. und 28. Ostwind, kalt, Nebel, natürlich Nichts; den 29. ganz still, bedeckt, wärmer, und sofort in der Frühe Staare in Schaaren von Hunderten, Schwarzdrosseln ziemlich viel, Roth- kehlchen ebenso; Waldschnepfen wurden 250 Stück erlegt, was beispiellos für den Frühlingszug ist; Claus Aeuckens und sein Neffe schössen während der Morgenstunden 35 derselben am Fusse des Felsens.

Es ist soeben darauf hingedeutet, dass auch die Bewegungen der Nachtschmetterlinge meteorologischen Beeinflussungen unter- worfen seien; diese Ansicht stützt sich auf wiederholte Beobach- tungen, nach welchen dieselben unter gleichen Bedingungen wie die Vöeel, und fast immer zusammen mit~diesen in ost-westlicher Richtung hier vorbeiziehen, und zwar in Schwärmen, die jeder Zahlenschätzung spotten und nur als Millionen bezeichnet werden können. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, die Ankunftszeit solcher westwärts wandernder Massenzüge an der englischen Küste festzustellen, um, wie ich glaubte, die Fluggeschwindigkeit auch dieser Wanderer daraus zu ermitteln. Nach Mittheilungen meines Freundes John Cordeaux, dessen Landsitz Helgoland gegen- über an der Britischen Ostküste gelegen ist, wird Plusia Gamma daselbst oft plötzlich in so ungeheurer Zahl gesehen, dass einzig und allein eine Masseneinwanderung die Erscheinung zu erklären vermag.

Es mögen einige hierauf bezügliche Aufzeichnungen meines Ornithologischen Tagebuches zur Bestätigung des Gesagten folgen : In der Nacht des 25. Oktober 1872 zogen während eines sehr starken Lerchenzuges Hybcrnia defoliaria zu vielen Tausenden, ge- mischt mit Hunderten von Hyb. aurantiaria; im darauf folgenden Jahre in der Nacht des 29. Juli , während einer warmen ganz stillen Nacht, Tausende von Eugonia angidaria nebst Hunderten von Gnophria qnadra inmitten eines starken Zuges von jungen Charadriiis auratns und hiaticiila, vielen Totaniden und Tringen; ebenso in der Nacht vom 12. zum 13. August 1877 bei schwachem östlichen Winde und ganz leichtem warmen Regen »Myriaden« von Plusia gamma zusammen mit obigen Strandvögeln und vielen jungen Saxicola oenantlic, Sylvia tivchiliis und anderen kleinen Vögeln.

Interessant ist ganz besonders der Vorfall, dass am 23. Juni 1880 bei ganz stillem warmen Wetter ein für das mittlere und

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nördliche Europa ganz ausserordentlich seltener südlicher Vogel, zusammen mit einem in Norddeutschland selteneren, und auf Helgo- land nur einmal zuvor gesehenen Schmetterlinge erschien, nämlich eine Saxicola deserti und ein Papilio podaliritis. Es hatte schon seit dem 15. des Monats klares warmes Wetter, begleitet von öst- lichen und südöstlichen Winden geherrscht.

Nichts aber übertrifft die Wanderzüge von Plusia Ganniia während der Mitte des August 1882. Am 15. war der Wind Süd- ost, begleitet von schönem warmen Wetter; es waren angekommen Sylvia phoenicura, cinerea, trochiliis; Motacilla alba, Muscicapa luctiiosa, Saxicola riibetra^ Einberiza liortulaiia; Hirundo la'bica und riparia sowie Cypselus opits\ während der Nacht zum 16. war der Wind südlich, stiller warmer Regen; viel Zug der obigen kleinen Vögel und sehr viele »Langbeiner« d. h. Charadrien, Totaniden, Tringen u. s. w. und gemischt mit diesen, -von 11 bis 3 in der Nacht Myriaden Gamma wie dickes Schneegestöber, alle von Ost nach West ziehend.« Am 16. früh Wind West, Regen, Nach- mittag schön, sonnig, still; am Abend und Nacht Süd, still, schön; starker Zug der obigen kleinen Vögel und Langbeiner; im Laufe der Nacht wiederum unzählige Gaiunia; so während der Nächte des 17. und 18. unter gleichfalls ganz leichten südlichen und west- lichen Winden. Am 19. Südost, schönes Wetter, während des Tages viele Sylvien, Fliegenfänger und dergleichen; während der Nacht bedeckte Luft, still, sehr viele Langbeiner und wiederum Tausende und Abertausende von Gamma, stets alle von Ost nach West wandernd, während der Nacht des 20. fernes Gewitter, welches allem Zuge ein Ende machte.

Dies führt denn zu der Frage der Beeinflussung des Zuges durch gewaltsame elektrische Vorgänge in der Atmosphäre. So hatte der obige regelmässige Zug der Myriaden von Gamma schon in der Nacht vom 11. zum 12., während welcher auch Vogelzug stattfand, begonnen; beides ward aber bald darauf durch Gewitter unterbrochen. Mein Tagebuch enthält hierüber Folgendes: 13. August Süd-Süd-Ost, Abend vorher Südost. Anfänglich vor Mitternacht des 12. - Zug von Sylvia phoeiücura, Saxicola ocnantlu\ Chara- drien, Tringen und ähnlichen, später in der Nacht starkes Ge- witter, Zug vorbei. 13. Morgens klar, warm, schön, aber Nichts, des Gewitters halber nicht aufgebrochen.^ Leinen Tag später be- gann der Zug aller zeitgemässen Vögel aufs neue und währte unter schwachen südlichen und südöstlichen Winden und schcnicm Wetter bis zum 20., worauf während der Nacht zum 21. Gewitter,

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dem stürmische Nordwestwinde folgten , allem Zuge ein Ende machte. Letzteres Wetter währte bis zum 4. September, mit diesem Tage trat stille , gute Witterung ein , leichter Nordwind, der nach Nordost und späterhin Süd umlief, womit Rothschwänzchen, Laubvögel, Grasmücken, Fliegenschnäpper, Steinschmätzer, Mornell- Regenpfeifer und viele Langbeiner in vollem Zuge auftraten.

Das sogenannte Wetterleuchten nach heissen Tagen beeinflusst den Zug in gleicher Weise, so auch die während der Nächte des Spätherbstes oft stattfindenden sehr starken elektrischen Entladun- gen, welche in den meisten Fällen nicht von Donner gefolgt werden, und fast regelmässig die Vorläufer und Begleiter starker Stürme sind.

Eine weitere , höchst eigenthümliche , mit Gewittern in Ver- bindung stehende Erscheinung bildet das -zeitweilige Auftreten von Millionen der grossen Libellen , Libelhda qiiadripiinctata. Wenn an heissen Sommertagen Gewitterwolken sich am Horizont auf- thürmen und, wie in schönen Formen hoch aufgebaute Schneeberge, in den blauen Aether ragen, so treffen während der schwülen wind- stillen Stunden, die der Katastrophe vorangehen, regelmässig und plötzlich unzählbare Massen dieser Netzflügler hier ein. Man sieht nicht, woher sie kommen, auch erscheinen sie nicht in Schwärmen oder Gesellschaften , sondern es muss dies einzeln und zerstreut geschehen ; jedenfalls aber in sehr schneller Aufeinanderfolge, denn nach kurzer Zeit sind die von der Sonne beschienenen Felswände, Gebäude, Zäune, sowie alle dürren Zweige von ihnen besetzt. Es ist dabei nicht nöthig, dass ein solches Gewitter sich über Helgo- land oder in dessen unmittelbarer Nähe entlade, sondern nur, dass dasselbe, wie oben beschrieben, sich vom Horizont bis etwa zwei drittel zum Zenith hinauf erhebe. Eben so unmerklich, wie sie ge- kommenj verschwinden diese Thiere wieder, so dass oft der nächste Morgen kaum ein oder das andere Exemplar aufzuweisen hat. Ob dieselben westwärts weiter ziehen, ist nicht zu sagen, wahrschein- lich ist dies der Fall, denn hier bleiben sie jedenfalls nicht, sonst würde man dieselben , nach einem schweren Gewitterregen etwa, todt herumliegen sehen.

Es möge nun noch einiger selteneren Zugerscheinungen ge- dacht werden, die sich nur nach Zwischenräumen vieler Jahre wiederholen , und unzweifelhaft ebenfalls durch meteorologische Einwirkungen herbeigeführt werden , wenn solches nachzuweisen auch nicht immer möglich ist. Dahin gehört besonders die plötz- liche massenhafte Erscheinung einer Art in Welttheilen , die sehr

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fern von ihrer Heimath Hegen , und in welchen sie kaum jemals als unbekannte Gäste gesehen werden; so z. B. das 1863 über ganz Europa zu Tausenden, und 1888 zu Zehntausenden auf- tretende Asiatische Steppenhuhn, SyrrJiaptes paradoxus. Die Ur- sachen solcher phänomenalen Wanderungen dürften wohl mit ziem- licher Sicherheit in ebenso ausnahmsweisen Witterungsereignissen zu suchen sein , und möglicherweise in einem sehr ausgedehnten plötzlichen Schneefall bestehen, der alle Nester dieser früh brütenden Vögel bedeckte und veranlasste, dass sie in so erstaunlichen Massen ihre Niststätten verliessen. Die so kalten Frühjahrsmonate des Jahres 1888 legen eine solche Vermuthung nahe.

Dem Obigen schliesst sich zunächst das sporadische gleich- zeitige massenhafte Auftreten verschiedener fern ostasiatischer Arten an , welches sich , wenn auch nicht in bestimmten Zeit- abschnitten , doch aber nur unter bestimmten Wetterbedingungen wiederholt. Eine derartige Erscheinung bot der Herbst des Jahres 1 847 in äusserst umfangreicher Weise dar ; besonders waren es in nie gesehener Massenhaftigkeit auftretende Schaaren von Lein- zeisigen, Fringilla linaria, gemischt zu etwa einem Dritttheil mit F. exilipes, der östlichen Form, die etwas kleiner ist wie linaria, den kürzesten Schnabel der Gruppe dieser rothbrüstigen Fringillen und einen rein weissen ungefleckten Bürzel hat. Leinzeisige sind hier im Ganzen eine höchst sparsame Erscheinung, sie treten meist immer nur in wenigen Stücken auf, und auch in so beschränkter Zahl ist kaum in jedem Jahr auf sie zu rechnen. In jenem Jahre aber, das auch sonst sehr reich an anderen östlichen Gästen war, erschienen diese Vögel von Mitte Oktober bis Mitte November fast täglich zu Hunderten; dies steigerte sich am 4. und 5. No- vember zu so unzählbaren Massen , dass buchstäblich die ganze Insel von denselben bedeckt war, und dass man, wie Claus Aeuckens, der damals noch Knabe war, noch heute erzählt, in keiner Rich- tung einen Stein werfen konnte, ohne zahlreiche Stücke zu treffen so lange der Stein noch rollte. Der Wind war während dieser beiden Monate vorherrschend östlich, oft Südost; so auch während der zweiten Hälfte des Dezember und bis zur Mitte des folgenden Januar.

Ausser den Genannten trat während jenes Herbstes die Bcrg- lerche, Alauda alpcstris , hier zum ersten Male in sehr grossen Schaaren auf. Dieselbe war bis dahin auf Helgoland ein fast ganz ungekannter Vogel, der von den ausgezeichneten Kennern alles hier je Gesehenen, den drei Gebrüder Aeuckens, nur einmal in drei Exemi)laren angetroffen und geschossen worden war, seit

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dem Herbst 1 847 aber nach und nach häufiger erschien , und vom fernsten östlichen Asien aus seine Brutstätten stetig westwärts vorgeschoben hat, so dass derselbe lange schon fester Brutvogel bis in das obere Skandinavien geworden , und dies ohne Zweifel demnach auch im oberen Schottland *) werden dürfte. Der Ein- wurf, dass diese Lerche auch wohl schon früher in grösserer Zahl hier vorgekommen, aber übersehen worden sei, ist für Helgoland nicht zulässig, indem zu jener Zeit wenigstens drei sehr aufmerk- same geschäftsmässige Sammler sich auf der Insel befanden : der alte Koopmann , Reymers und der älteste der oben genannten Gebrüder Aeuckens , Oelrich genannt der »Alte Oelk« ; von diesen suchte der Letztere während der Zugzeit der Berglerche, welche noch dazu mit der der Schnepfe zusammenfällt, jeden Ouadratfuss der Insel täglich wenigstens,_zweimal ab, und ganz unmöglich ist, dass demselben der auffallende Lockton, den dieser unruhige Vogel im Herumlaufen sowohl wie im Fluge fortwährend hören lässt , entgangen wäre. Im Verlaufe der letzten Dezennien hat sich die Zahl der hier erscheinenden Berglerchen stetig in so hohem Grade gesteigert, dass sie jetzt jeden Herbst nach Hundert- tausenden zählt, und sogar auch im Frühjahr die Insel zu Tau- senden wieder berührt. Letztere wohl zweifellos Stücke , die in England überwintert haben.

Ausserdem brachte jener Herbst viele Dompfaffen, zahlreiche Seidenschwänze, und natürlich auch Anthus Richardi in grösserer Anzahl, sowie ziemlich viele Parus aicr alles Beweise eines ausnahmsweise starken Zuges vom fernen Osten her. Dass Larus Sabinii Ende Oktober jenes Jahres hier geschossen worden, Mergus albellus oft vorkam, am lo. Dezember neun Stück Anser niveus den Strand entlang flogen und Cinclus Pallasi am 31. Dezember in der Nähe von vier bis sechs Schritten gesehen ward, sind alles gewichtige Belege für einen derartigen ausnahms weisen ost -west- lichen Massenzug. Das Wetter begünstigte einen solchen denn auch in hohem Grade, oder richtiger wohl : es war die Veranlassung, dass derselbe überhaupt stattfand, denn, wie schon bemerkt, herrschten während der ganzen Zugzeit östliche und namentlich südöstliche Winde vor.

Lange hegte ich die Vermuthung, ich kann wohl sagen Ueber- zeugung, dass während so gewaltiger Herbstzüge aus dem fernen Osten die zu solchen Zeiten hier vorherrschenden östlichen Winde und Windstillen sich bis in das ferne östliche Asien erstreckten,

*) Siehe Näheres später unter Nr. 168, Alpenlerche! Bl.

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es war mir jedoch lange Zeit nicht möglich, mich hierüber zu ver- gewissern, dies ist mir nun aber kürzlich durch die ausserordent- liche Güte und Beihülfe des Herrn Professor Neumayer, Direktor der Seewarte zu Hamburg, ermöglicht worden, indem derselbe mir Auszüge beschaffte aus den Aufzeichnungen meteorologischer Beob- achtungen , welche die russische Regierung in grossem Umfange auch über den asiatischen Theil des Reiches anstellen lässt. Ich gebe dieselben in kurzer Fassung, und in einer dem gegenwärtigen Zwecke entsprechenden Form hierneben wieder, und mache be- sonders darauf aufmerksam , dass , während nur zwölf Striche des Kompasses von Nordost durch Ost bis Süd als günstig für die fragliche Zugbewegung herangezogen werden und somit zwanzig Striche von Süd durch West bis Nordost dem entgegenstehen, dennoch das Ergebniss in allen einschlägigen Fällen ein überaus günstiges ist.

Für das oben besprochene Jahr, 1847, steht mir freilich nur eine Station: Lugau, Südost von Aloskow zu Gebote; im Laufe der Monate September , Oktober und November dieses Jahres herrschten daselbst 6g^',o Tage östliche Winde und Windstillen, während nur 21 V2 von westlichen und nördlichen Winden aus- gefüllt wurden.

Im Jahre 1859, während dessen Herstzuges ostasiatische Arten hier ebenfalls wieder sehr stark vertreten waren , wenn auch in keinem Verhältniss zu 1847 stehend, erhielt ich dennoch drei Stück Sylvia siiperciliosa, zwei Strix Tcngvialmi und viele AntJms Richardi , sowie denn auch eine der seltenen zahlreichen Erschei- nungen von Corviis glamiarms stattfand. Hier herrschten südöst- liche Winde vor , und das Ergebniss der Stationen Lugau und Kursk für September und Oktober war : 84^ 1 Tage günstige öst- liche Winde und Windstillen gegenüber 37' 4 Tagen ungünstiger westlicher und nördlicher Winde.

Ein Jahr, welches sich sowohl